1. Den Titel „Zukunft verpflichtet“ sehen wir als IGF stellvertretend auch für eine gesunde Ernährung und damit verbunden verantwortliche Lebensmittel. Im Produktionsprozess wird bekanntlich auch viel getrickst, intransparent produziert, klimaschonende Regulationen umgangen. Wie sehen Sie die zukünftige Verantwortung der Protagonisten, damit klimagerechte, gesunde Lebensmittel den Markt beherrschen?
Als Verbraucher wäre mir nichts lieber als ein umfassendes und bezahlbares Angebot an Lebensmitteln, das sich beispielsweise an der „Planetary Health Diet“ orientiert. Die Idee, Ernährung anhand der Parameter Gesundheit und Nachhaltigkeit qualitativ zu verbessern, ist einfach bestechend – ein attraktives „Hinzu“, wie ich es gerne formuliere. Wir brauchen solche positiven Zukunftsbilder, um Tempo und Energie in die Veränderungsprozesse zu bekommen. Das geht nur gemeinschaftlich mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist Aufgabe der Politik, hier Zeichen zu setzen, die Debatte zu koordinieren und per Gesetz regenerative und gesunde Lebensmittelproduktionen zu fördern. Die Verantwortung der Unternehmen endet in diesem Kontext jedoch nicht damit, rechtliche Vorgaben einzuhalten, sondern sie reicht viel weiter: Unternehmen sind Plattformen und Multiplikatoren der Transformation. Ihr Einfluss entlang der gesamten Lieferkette – von den sozialen und ökologischen Bedingungen in den Erzeugerländern über Geschäftspartner und Belegschaften bis hin zum Vertrieb an die Konsumenten – ist immens.
Es ist das Gebot der Zeit, diese Rolle unternehmerisch anzunehmen. Der entscheidende Punkt wird sein, den Wandel für alle Beteiligten auch ökonomisch attraktiv zu gestalten. Ich bin überzeugt, dass sich so etwas wie ein neues „Betriebssystem“ herausbilden wird, in dem die Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung ineinandergreifen. Nur so lässt sich wirklich skalierbar erreichen, dass Boden optimaler genutzt wird, CO2-Fußabdrücke sinken, weniger schädliche Pestizide eingesetzt werden und gleichzeitig die Qualität und Verfügbarkeit guter Lebensmittel steigt.
2. Der Klimawandel beeinflusst Anbau, Ernten, Qualitäten. Die Folge sind Preissteigerungen für den Verbraucher: Kaffee, Kakao/Süßwaren, Fisch, Fleisch, Getreide, u. m. Was können wir hier in Deutschland dazu beitragen, mehr Verantwortung aktiv zu übernehmen?
Deutschland und die EU können als einflussreiche Wirtschaftsregionen weltweit viel erreichen, wenn es um nachhaltige Anbaumethoden, zertifizierte Lebensmittelqualität und Arbeitsbedingungen, den Kampf gegen Armut und Kinderarbeit sowie gegen die Umweltzerstörung durch Monokulturen geht. Dass die EU die Regulierung, siehe Lieferkettensorgfaltspflichten, wieder aufweicht, wirkt sich hier kontraproduktiv aus. Positiv hingegen ist, dass sich viele Unternehmen aus ihrem Werteverständnis und auch aus betriebswirtschaftlicher Vernunft im Kontext der ESG-Kriterien – Environment, Social, Governance – weltweit engagieren. Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Punkt: Europa und Deutschland können die Technologien für eine smarte, präzise und nachhaltige Lebensmittelproduktion entwickeln und liefern – und zwar von „field to fork“, auf der gesamten Strecke vom Feld zur Gabel. Mit Sensorik und Robotik, Digitalen Zwillingen und Künstlicher Intelligenz. Das ist ein globaler Megamarkt für die deutsche und europäische Wirtschaft. Wir haben die Wissenschaftler:innen, die Mitarbeitenden, die Unternehmen und die Start-ups, um nachhaltige Erfolgsmodelle für eine gesunde und nachhaltige Ernährungswirtschaft zu entwickeln. Mit klimapositiver Technik, regenerativer Landwirtschaft, gesundheitsorientierter Lebensmittelproduktion.
Nur zu gerne würde ich auch sagen: Deutschland kann im Lebensmittelkonsum vorbildlich sein. Aber bei diesem Thema stecken wir in einem Dilemma. Nur wenige Menschen ernähren sich durchgehend vernünftig im Sinne von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Viele von uns konsumieren unter den vermeintlichen Zwängen des Alltags und aus Bequemlichkeit dann doch Fast Food, hoch industrialisierte und künstlich hergestellte Lebensmittel, die weder der Umwelt noch uns guttun. In Deutschland noch mehr als in Frankreich oder Italien, in denen die Ernährung einen höheren Stellenwert genießt. Hier stärker entgegenzuwirken – nicht mit Verboten, sondern mit verlockenden und bezahlbaren Angeboten – wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
3. Welche Rolle, Verantwortung, aktives Tun, müssen Ernährungspolitiker, Handelsmanager, Erzeuger der Agrarwirtschaft, Verbraucher übernehmen und vor allem ausüben? Wie sieht für diese ein Kurswechsel aus?
Die Wirtschaft befindet sich gerade in einer Phase, in der sich die Partner entlang der Wertschöpfungskette vernetzen und auch gegenseitig fordern. Das ist schon einmal eine gute Entwicklung. Was aber wirklich fehlt, ist der gesellschaftliche Aufbruch, die Initialzündung, die die Menschen wirklich mitnimmt und motiviert. Im gesellschaftlichem Diskurs ist zwischen vermeintlicher Verbotspolitik und plakativer Bratwurst-Seeligkeit so viel kaputtgegangen. Das gilt es erst einmal zu kitten. Aber wenn jeder Akteur seinen Wirkungskreis nutzt, um auf einen Kurswechsel hinzuarbeiten, dann gelangen wir vielleicht auf einen guten Weg. Der Einzelhandel hat mit seinen Sortimentsentscheidungen einen der Schlüssel in der Hand, um gesunden und nachhaltigen Konsum zu fördern. Landwirte und Erzeuger können durch Digitalisierung präziser arbeiten und den Weg zu einer regenerativen Landwirtschaft einschlagen. Sie verdienen dafür mehr gesellschaftliche Anerkennung, auch wenn sie nicht im Bio-Sektor unterwegs sind. Die Lebensmittelindustrie kann stärker als bisher auf einen „shared value“ mit der Gesellschaft hinarbeiten: Gesundheit und Nachhaltigkeit sind starke Qualitätsmerkmale und Verkaufsargumente. Verbraucherinnen und Verbraucher – tja, sie haben eine ungeheure Macht, aber nur theoretisch. Bildung, Aufklärung, Kennzeichnungen und allgemein mehr Transparenz würden hier sicher helfen, um die Ernährungspräferenzen zu verbessern und Kaufentscheidungen zu lenken. Ich glaube, dass wissenschaftlich-fundierte, einfach zu nutzende Apps hier einiges bewirken können. Den großen Sprung vorwärts schaffen wir aber nur, wenn wir die Maßnahmen koordinieren und auch eine neue Lust auf Veränderung erzeugen. Unser Nachbarland Dänemark liefert dafür ein inspirierendes Beispiel. Wie in einer konzertierten Aktion durch die Regierung, Gesundheits-NGOs und Unternehmen der Anteil von gesundem Vollkornbrot am Brotkonsum seit dem Jahr 2008 deutlich gesteigert wird – Chapeau, so kann die Food Transformation gelingen.
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IG FÜR Redaktion
Foto: Dr. Thomas M. Fischer


