YoutubeYoutubeLinkedinInstagram

gedeckter Tisch
gedeckter Tisch
gedeckter Tisch
Themen
Die Stimme FÜR gesunde Lebensmittel
Themen
FÜR unsere Mitwelt
Themen
FÜR wertschaffende Zusammenarbeit
previous arrow
next arrow

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview „Der Streit um die Zuckersteuer ist zurück – wie beide Seiten argumentieren“ der LP

LP: Was ist für Sie die Basis von Longevity?

Dr. Johannes Coy: Die Basis für eine lange Lebenszeit ist, dass unsere DNA immer wieder vermehrt und repariert werden kann. So können neue Zellen gebildet und geschädigte Zellen repariert werden. Wenn ich keine neuen Zellen bilde und keine geschädigten Zellen repariere, dann altere ich sehr schnell. Der Ribosezucker ist der limitierende Faktor für neue Zellen und für die Zellreparatur. Gebildet wird Ribose über die Transketolase (Anm.: Enzym des Zuckerstoffwechsels, das an der Bildung bestimmter Zuckerbausteine beteiligt ist). Ohne dieses Enzym kann der Körper keine Ribose bilden; dann hat er keine Chance auf Zellerneuerung und Reparatur der DNA.

LP: Also brauchen wir Zucker. Widerspricht das nicht dem Bild von Zucker, der das Altern und Krankheiten fördert?

Dr. Johannes Coy: Der beschriebene Mechanismus ist eine Seite der Medaille. Die Maillard-Reaktion (Annm.: eine chemische Reaktion zwischen Zucker und Eiweiß, die unter anderem zu Bräunung und sogenannten Verzuckerungsprodukten führt) ist der Hauptgrund für Alterung. Wenn wir hohen Blutzucker haben, ist das also – vereinfacht gesagt – gegen Longevity, weil zu viel Zucker unsere Zellstrukturen schädigt. Beim Thema Zucker geht es jedoch nicht nur ums Altern, sondern auch um Prävention. Herkömmliche Zucker wie Glukose und Fruktose fördern Entzündungen, Insulinresistenz, also die verminderte Wirkung des Hormons Insulin, und Stoffwechselerkrankungen. Bei normalem Haushaltszucker ist die Hälfte Fruktose, und die fördert Entzündungen, Fettleber und das Krebswachstum noch stärker als Glukose, weshalb insbesondere unverdünnte Fruchtsäfte dosiert konsumiert werden sollten.

LP: Sie haben das Gen TKTL1 entdeckt, das für „Transketolase-like 1“ steht. Bitte erklären Sie dessen Bedeutung.

Dr. Johannes Coy: TKTL1 ist ein Enzym, das im Laufe der Evolution bei Säugetieren entstanden ist und das die Fermentation von Zucker in Milchsäure in Anwesenheit von Sauerstoff ermöglicht. Gleichzeitig steuert es die Bildung von Ribose, dem entscheidenden Zucker für die Bildung und Reparatur von DNA. TKTL1 ist wichtig für die Gehirnentwicklung, fördert Intelligenz, Aktivität und Risikobereitschaft bei Entscheidungen. Die renommierten Forscher der Max-Planck-Gesellschaft, Nobelpreisträger Prof. Svante Pääbo und Prof. Wieland Huttner, haben gezeigt, dass das TKTL1-Enzym des modernen Menschen im Vergleich zum TKTL1-Enzym des Neandertalers eine vermehrte Nervenzellbildung im Gehirn ausgelöst hat. Das TKTL1-Enzym braucht Zucker als Ausgangsstoff. Wenn es aktiv wird, ermöglicht TKTL1 aber auch Krebszellen, Energie unabhängig von Sauerstoff durch Zuckervergärung zu gewinnen und DNA-Schäden zu reparieren, die durch Strahlen- und Chemotherapien ausgelöst werden. TKTL1 ermöglicht damit Krebszellen, resistent gegen Therapien zu werden

LP: Zucker hat also zwei ganz verschiedene Seiten – Schutz von gesunden Zellen, aber auch Schutz von Krebszellen vor Chemo- und Strahlentherapien. Also geht es nicht um zuckerfrei?

Dr. Johannes Coy: Richtig. Es ist immer die Frage – soll die Zelle sich schützen dürfen. Bei Krebszellen ist klar, dass ein solcher Schutz nicht gut für uns ist, da dann Krebstherapien versagen und wir sterben. Aber Schutz von gesunden Zellen ist großartig, da wir dann lange gesund leben können. Die Menge und die Eigenschaften der Zucker sind dabei entscheidend dafür, ob wir gesundheitlich profitieren. Wichtig ist dabei, ob und wie stark der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr des Zuckers ansteigt. Problematisch sind hoher glykämischer Index, der anzeigt, wie stark ein Lebensmittel den Blutzucker ansteigen lässt, und hohe glykämische Last (Anm.: berücksichtigt zusätzlich die verzehrte Menge). Viele Forschungsarbeiten zeigen, dass unterschiedliche Zuckerarten im Stoffwechsel völlig unterschiedlich wirken. Es gibt natürliche Zuckerarten, die den Blutzucker stabil halten und den Stoffwechsel sogar positiv beeinflussen

LP: Welche Zuckerarten können dazu beitragen, dass wir länger gesünder leben?

Dr. Johannes Coy: Man braucht Zucker, die als Ballaststoffe wirken. Das ist zum Beispiel der kalorienarme, angenehm süß schmeckende Zucker Tagatose. Ein Teil dieses natürlichen Zuckers wird ausgeschieden, aber ein großer Teil wird nicht in den Körper aufgenommen und verbleibt im Darm. Dort wird er dann von guten Bakterien zu Buttersäure vergoren (Anm.: kurzkettige Fettsäure, auch Butyrat genannt, die im Dickdarm entsteht). Butyrat wirkt antientzündlich und macht den Darm sauer, was positiv ist. Durch das saure Milieu wird die Ausscheidung von Giftstoffen wie Ammoniak aus dem Eiweißabbau gefördert und das Wachstum von gefährlichen Hefepilzen gehemmt. Da Tagatose auch die Aufnahme von Zucker wie Glukose verlangsamt, wird der Blutzuckeranstieg beim Essen von glukose- und stärkehaltigen Lebensmitteln wie Brot, Nudeln und Kartoffeln verringert, so dass es weniger Zuckerschäden im Körper gibt. Dies wird durch den HbA1c-Wert messbar, ein Langzeitwert für den Blutzucker. Er sinkt schon, wenn man zwei Teelöffel Tagatose pro Tag konsumiert. Tagatose ist damit ideal für Diabetiker, aber auch für alle anderen Menschen, die einen gesunden Blutzuckerspiegel haben wollen.

LP: Sollte man zu unterschiedlichen Tageszeiten auch unterschiedliche Zuckerarten verwenden?

Dr. Johannes Coy: Die wichtigste Energiequelle im Körper ist Glukose. Stärke aus Getreide und Kartoffeln ist die Hauptquelle von Glukose in unserer Ernährung. Erst danach kommt der klassische Haushaltszucker. Der Zucker Trehalose besteht wie oben beschrieben aus zwei Glukose-Einheiten, die durch unsere Verdauung langsam in Glukose aufgespalten wird. Dies ermöglicht eine gleichmäßige und sichere Versorgung unseres Körpers mit Glukose. Trehalose ist daher morgens sehr sinnvoll: ein, zwei Teelöffel im Kaffee, Kakao, Tee, Joghurt oder Müsli, dann hat man eine stabile Glukosequelle. Das Gehirn wird gleichmäßig versorgt, und die Autophagie wird angeschoben.

Wenn ich unter hoher Belastung stehe, oder viele Zellschäden wie nach intensivem Sport repariert werden müssen, kann ich Ribose nutzen – dem Zucker, der die DNA-Reparatur und die Neubildung von Zellen fördert. Das darf man nicht übertreiben, weil ein Übermaß an neuen Zellen auch negativ ist. Eine kürzlich in der renommierten Zeitschrift Cell veröffentlichte Studie hat aufgezeigt, dass der Konsum von Ribose sogar die Heilung von Rückenmarksverletzungen ermöglicht, wodurch eine ganz neue Option entstanden ist, wie man Querschnittslähmungen verhindern kann. Meiner Meinung nach ist es wichtig, mit dem Thema Zucker differenzierter umzugehen.

Die Art und die Menge des konsumierten Zuckers entscheiden darüber, ob dies gut oder schlecht für uns ist. Durch einen intelligenten Umgang mit den unterschiedlichen Zuckern können wir ein gesundes und langes Leben erreichen. Je nach individueller Situation kann Ribose als Reparaturzucker in Kombination mit Glukose freisetzenden Zuckern wie Trehalose oder kalorienarmen Ballaststoffzuckern wie Tagatose eingesetzt werden. Tagatose alleine ist kein Ersatz für Haushaltszucker, aber kleinere Mengen Tagatose sind ideal, damit der glykämische Index noch niedriger wird und die Darmflora gesund bleibt.

LP: Welche Rolle können Lebensmittelhandel und -industrie in all dem spielen?

Dr. Johannes Coy: Ich sehe eine Riesenchance, wenn Handel und Industrie diese Innovation verstehen und auch die Rolle von Zucker – man muss differenzierter mit dem Thema Zucker umgehen. Es ist absolut falsch, dass Produkte, die zuckerfrei sind, per se als gut betrachtet werden und Lebensmittel, bei denen Zucker drin ist, als schlecht. Inzwischen ist durch Studien belegt, dass zuckerfreie, durch künstliche Süßstoffe gesüßte Getränke schädlich sind, weil sie zum Beispiel eine Insulinausschüttung auslösen und dies zu gefährlichen Entzündungen der Blutgefäße führt. Tagatose dagegen löst diesen gefährlichen Effekt aber nicht aus und stellt damit eine gesunde Option zum Süßen von Getränken dar, die zudem noch positive Wirkung auf die Darmflora hat. Es muss in den Firmen sowohl Wissen aufgebaut werden zu Alternativen beziehungsweise „intelligenten“ Zuckerarten und dazu, wie sie mit diesen Zuckern Produkte entwickeln. Zugleich müssen aber die Käufer auch die gesundheitlichen Vorteile verstehen, damit sie diese Produkte kaufen. Ohne dieses Zusammenwirken zwischen Lebensmittelherstellern und Verbrauchern können Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs und Alzheimer nicht zurückgedrängt werden.

Veröffentlichung mit Genehmigung der Lebensmittel Praxis!