IG FÜR-Symposium: Longevity –
Das Geschäft mit dem langen Leben und die einfachen Wahrheiten dahinter
Longevity verspricht ein langes, gesundes Leben. Doch während eine in größeren Geldsummen denkende Branche das „gute“ Altern zum Geschäftsmodell macht, liegen die wirksamsten Rezepte oft auf dem Teller, in den Beinen und im ganz normalen Alltag. Das Symposium der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel IG FÜR Anfang Oktober 2026 in Frankfurt setzte dazu die Akzente.
Alt werden wollen viele. Alt sein möglichst wenige. In diesem Spannungsfeld gedeiht ein Geschäft, das aus einer uralten menschlichen Sehnsucht einen modernen Lifestyle-Trend gemacht hat: Longevity. Der Begriff klingt irgendwie nach Wissenschaft, Zukunft und Selbstoptimierung. Wer sich damit beschäftigt, den erwarten oft teure und technische Maßnahmen, DNA- und Blutanalysen, Pillen mit und ohne lateinischen Namen, Forever-Young-Pulverdrinks, Kosmetik-Produkte, Versprechen von zehn zusätzlichen Jahren und mehr. Kann ins Geld gehen.
Das Programm in Frankfurt war anders. Mehr Küche und Turnhalle. Referenten und Teilnehmer konzentrierten sich auf die gesunde Lebensspanne im fortgeschrittenen Alter, also auf die Frage, wie kann der Mensch möglichst viele Jahre gesund, leistungsfähig und unabhängig bleiben.
So weit, so banal. Wer kann etwas dagegen haben, auch im hohen Alter fit zu sein, geistig beweglich zu bleiben und den Alltag selbstständig zu bewältigen? Kritisch wird es aber immer dann, wenn aus einem nachvollziehbaren Wunsch ein verlockendes Versprechen auf einfache, mühelose, nahezu grenzenlose Optimierung wird. Damit ist dann das Altern plötzlich kein normaler, natürlicher Prozess mehr, sondern ein technischer Defekt. Und den kann man leicht mit der richtigen Kombination aus Nahrungsergänzungsmitteln, Bluttests, Apps, Diätplänen, Schönheitsprodukten und teuren medizinischen Anwendungen aufhalten. So einfach? Wirklich?
Die Botschaft der Longevity-Branche ist verführerisch: Wer seine biologischen Werte kennt, dann die dazu (angeblich) passenden Produkte kauft und seine Lebensweise konsequent kontrolliert, kann dem Alter ein Schnippchen schlagen. Nur: Wie viel davon ist wissenschaftlich belastbar? Und wie viel ist geschicktes Marketing, das aus eher dünnen Erkenntnissen weitreichende Versprechen macht?
Die Veranstaltung der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel IG Für, die Anfang Oktober 2026 in Frankfurt stattfand, setzte an ganz anderer Stelle an. Die Vorträge lenkten den Blick auf Ernährung, Bewegung, Muskelkraft, Alltagsbewältigung und Umgang mit Stress. Weniger spektakulär. Aber gerade darin liegt die echte Stärke.
„Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz“, sagte Steffen Nitsche, Unternehmensberater, Gastprofessor an der Goethe-Universität in Frankfurt (und Marathonläufer) in seinem Einführungsvortrag. Es gehe eben nicht nur um Ernährung und Gesundheit, sondern genauso auch um Lebensfreude. Für Nitsche ist klar: eine ungesunde Lebensweise, Stress, wenig Bewegung und ein geringer sozialer Zusammenhalt sind die Wurzeln des Übels. Sein Rezept FÜR ein gutes, längeres – aber auch generell für d a s – Leben: Kontinuierliche Bewegung mit Pausen („Jeder kann Marathon laufen“, der innere Schweinehund kann besiegt werden), außerdem eine vollwertige Ernährung mit möglichst unverarbeiteten, unbelasteten aber auch schonend zubereiteten Lebensmitteln. Auch hier seien Pausen, also Fasten, durchaus sinnvoll. Nitsches Botschaft: Es komme weniger auf die möglichst lange Lebensspanne an, sondern auf die längste gesunde - also „krankheits-freie“ Zeit.
Zucker und Alkohol: Über die Kunst des Weglassens
„Prinzipien statt Prosecco“ titelte Dr. Judith Katharina Gutberlet, Humanbiologin, Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin mit eigener Praxis und Lehrauftrag in Fulda. Sie gibt eine Richtung vor: weniger Zucker, weniger Alkohol, weniger Fleisch. Bekanntlich steht Zucker in Verbindung mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Fettleber und diversen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Auch unbestritten: Alkohol ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Für die Krebsprävention zum Beispiel gilt grundsätzlich: Je weniger Alkohol, desto geringer das alkoholbedingte Risiko. Leider werde in Deutschland zu viel Alkohol getrunken, so Gutberlet. Der Verzicht auf Alkohol müsse gesellschaftlich mehr respektiert werden.
Zwar gehe der Konsum von Fleisch in Deutschland zuletzt leicht zurück, aber immer noch werde zu viel davon gegessen. Der hohe Konsum trage zu Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei, erhöhe zudem das Krebsrisiko. „Je mehr tierische Produkte wir konsumieren, umso höher die Krebsrate“, so Gutberlet, „je mehr pflanzliche umso niedriger“. Das sei natürlich hoch komplex, habe aber mit der unterschiedlichen Wirkung pflanzlicher und tierischer Proteine zu tun.
Auch darin steckt eine Botschaft, die dem Longevity-Geschäft nicht unbedingt entgegenkommt: Gesund bleibt oder wird keiner allein dadurch, dass er etwas hinzufügt, also zum Beispiel Pillen schluckt. Manchmal hilft es mehr, den Konsum bestimmter Produkte zu vermeiden oder zu reduzieren.
Durchaus kontrovers diskutiert wurde dabei die Frage, ob gelegentlicher Genuss zum gesundheitlichen Drama erklärt werden müsse. Eher nicht. Das Streben nach einem lange gesunden Leben sollte nicht zur permanenten Selbstkontrolle führen, bei der jede Mahlzeit, jedes Glas und jede Abweichung vom vermeintlich perfekten Lebensstil korrigiert werden muss oder gar als persönliches Versagen gilt. Eine neue Form des Leistungsdrucks ist der Gesundheit eben auch kaum förderlich.
Beeren, Bohnen, Blattsalat: Contra Pillenregal
Der Vortrag „Beeren, Bohnen, Blattsalat“ von Salome Ryll, die für „Bionales e.V.“ arbeitet, dem Trägerverein des Ernährungsrates Frankfurt, unter anderem im Projekt „Heldenbohnen“ sendete vor allem eine Kernbotschaft: Hülsenfrüchte können sehr viel. „Sie sind ballaststoffreich, enthalten viel Protein mit essentiellen Aminosäuren, Mikronährstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe.“ Hülsenfrüchte tragen besonders zur Sättigung bei, fördern die Darmfunktion, haben blutzucker-senkende Wirkung. Sie tragen damit - neben einer generell Pflanzen-betonten Ernährung mit Vollwertprodukten und pflanzlichen Ölen - dazu bei, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes zu senken.
Das ist natürlich etwas weniger glamourös als die Suche nach dem nächsten Anti-Aging-Molekül. Bohnen besitzen nun mal keinen futuristischen Markennamen. Und Linsen benötigen keine Laboranalyse, und ein Teller Gemüse lässt sich in der Regel schlecht als exklusives Premiumprodukt vermarkten.
Muskeln: Keine Frage der Eitelkeit
„Fit ist das neue Jung“ behauptet Dr. Thomas Frankenbach, Leiter der Akademie für Embodiment sowie des Instituts für Kommunikationsberatung und Nonverbale Kommunikation in Fulda. Der Psychologe (und Karate-Kämpfer) beschäftigt sich unter anderem mit Kraft, Bewegung und Stressmanagement. Hier wird Longevity besonders konkret. Denn gesundes Altern bedeutet eben auch, möglichst lange gehen, Treppen steigen, Einkäufe tragen und ohne fremde Hilfe aufstehen zu können.
Mit zunehmendem Lebensalter nehmen Muskelmasse (ab 30. Lebensjahr zurückgehend) und Kraft ab, wenn ihnen nicht durch Bewegung und Training entgegengewirkt wird. Der Verlust lässt sich nicht vollständig verhindern, aber durchaus beeinflussen. Das beginne bei der Haltung, so Frankenbach, die im Alter zunehmend schlechter würde. Das wiederum sorge für schlechter Sauerstoffversorgung allgemein und besonders im Gehirn. Dagegen müsse gearbeitet werden. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt beispielsweise Erwachsenen neben regelmäßiger Ausdauerbewegung muskelkräftigende Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche.
Frankenbach macht noch zwei wichtige Punkte: Zuwendung und Achtsamkeit, nämlich achtsam essen im sozialen Kontext. Damit propagiert er für körperliche Fitness und eine kontinuierlich zu pflegende Qualität der sozialen Beziehungen.
Was bleibt vom Symposium: Die Rangliste der Maßnahmen für ein lange gesundes Leben erscheint auf den ersten Blick einfach. Nicht rauchen, tägliche Bewegung, eventuell Krafttraining, pflanzenbetont essen, Stress vermeiden, ausreichend schlafen, sozialen Zusammenhalt pflegen.
Klar wurde: Ein verbesserter Laborwert ist nicht automatisch der Garant für ein längeres Leben. Eine Veränderung biologischer Marker muss nicht bedeuten, dass Menschen tatsächlich länger gesund bleiben. Und ein Produkt, das in einer kleinen Studie vielversprechend wirkt, ist noch lange keine bewährte Präventionsmaßnahme gegen Krankheiten.
Das Symposium der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel setzte auf eine bodenständige Perspektive: gesunde Ernährung, weniger Zucker und Alkohol, regelmäßige Bewegung, Muskelkraft, soziale Kontakte und ein vernünftiger Umgang mit Stress und Schlaf. Das sind keine spektakulären Geheimnisse. Aber es sind Ansatzpunkte, deren Nutzen sich nicht erst in ferner Zukunft beweisen muss, sondern längst erwiesen sind.
Für die meisten gewinn-orientierten Longevity-Geschäftsmodelle ist das natürlich viel zu wenig und eher kontraproduktiv. Andererseits haben die Menschen mit wenig Zeit, Geld oder Schlaf, kaum die Chance, sich einen Lebensstil im Longevity-Format zu leisten. Longevity nur für Wohlhabende?
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung des gesunden Alterns deshalb nicht darin, immer neue Mittel gegen das Alter zu entdecken. Vielleicht besteht sie darin, das längst bekannte Wissen endlich konsequent umzusetzen.
Text: Reiner Mihr, IG FÜR-Vorstand
Titelbild: Andrew Heald,
unsplash.com
Alle Fotos in Galerie: Hans Keller


