Warum Deutschland über eine Zuckersteuer streitet – und weshalb es längst nicht mehr nur um Limonade geht
Ein Glas Cola. Da ist viel Zucker (genau: 27 Gramm oder neun Stück Würfelzucker) drin. So viel, dass damit schon fast das getrunken ist, was die Weltgesundheitsorganisation einem Erwachsenen für einen ganzen Tag empfiehlt. Das gilt auch für andere: Fanta hat 23 Gramm im 250ml-Glas, Energydrinks haben etwa 30 Gramm, ...
Unter Zucker im umgangssprachlichen Sinne verstehen wir in erster Linie den weißen Kristallzucker, der aus Zuckerrohr oder Zuckerrüben hergestellt wird. Es gibt verschiedene Zucker, die die Bestandteile der Kohlenhydrate sind. Der normale Haushaltszucker ist die Saccharose, bekannt sind auch der Fruchtzucker/Fructose oder die Glucose/Traubenzucker.
Leider hat Zucker neben den positiven Wirkungen (Energie!) auch viele negative: Übermäßiger Zuckerkonsum kann zu Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Karies, Hautproblemen und sogar zu Beeinträchtigungen von Leistungsfähigkeit und Konzentration führen. In Deutschland sind mittlerweile fast 8 Millionen Menschen an Diabetes Typ 2 (also die ernährungsbedingte Variante) erkrankt. 2005 waren das noch „nur“ um die fünf Millionen (Quelle: Krankenkassen).
Die Zahl der Übergewichtigen liegt in Deutschland heute bei fast 20 Prozent der Bevölkerung, noch vor 20 Jahren waren das 13,4 Prozent. Die Zahl der schwer Adipösen, also die mit einem BMI von über 40, liegt schon bei zwei Prozent – das wären immerhin rund 1,5 Millionen Menschen (Quelle: Robert-Koch-Institut).
Die Folgen sind erheblich: Es treten vermehrt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle auf, es kommt zu Nieren- und Augenschäden sowie Nervenschäden.
Dass hier eine Gesellschaft und ihre Vertreter – die Politiker – nicht nur einfach zuschauen sollten, scheint klar. Und so wird schon lange intensiv über eine Änderung der Ernährungspolitik diskutiert.
Wenige Lebensmittel stehen dabei so für den Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Fürsorge wie das süße Getränk. Die Frage, ob der Staat eingreifen darf – oder sogar muss –, entwickelt sich zu einer der emotionalsten Debatten der Ernährungspolitik.
Während in Großbritannien, Mexiko, Frankreich oder Portugal Zuckersteuern längst Realität sind, blieb Deutschland lange zurückhaltend. An mangelnden Mahnungen liegt das nicht: Kinderärzte warnen vor einer Welle ernährungsbedingter Erkrankungen, Krankenkassen beklagen milliardenschwere Folgekosten, Verbraucherschützer sprechen von einem Versagen der Politik. Auf der anderen Seite stehen Hersteller, Bauernverbände und Politiker, die vor Bevormundung und Symbolpolitik warnen.
Deutscher Sonderweg
Deutschland verfolgt bislang einen Sonderweg. Ab 2018 setzte die Bundesregierung auf die Nationale Reduktions- und Innovations-Strategie (NRI). Einfaches Prinzip: Die Lebensmittelwirtschaft verpflichtet sich freiwillig, den Zucker-, Salz- und Fettgehalt vieler Produkte schrittweise zu senken. Die damalige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) sprach sich damals ausdrücklich gegen neue Steuern aus. Der Staat solle Unternehmen lieber motivieren, Rezepturen zu verändern, anstatt Verbraucher über den Preis zu erziehen.
Tatsächlich bewegte sich etwas. Viele Hersteller reduzierten den Zuckergehalt zum Beispiel bei Frühstücks-Cerealien, Joghurts oder Erfrischungsgetränken. Coca-Cola, PepsiCo und andere Unternehmen haben Varianten mit weniger Zucker auf dem Markt. Auswertungen des Max Rubner-Instituts, das die Strategie wissenschaftlich begleitet, zeigen: In einigen Produktgruppen wurden die Ziele erreicht oder sogar übertroffen. In anderen – etwa Süßwaren oder bestimmten Milchprodukten – blieb der Fortschritt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Kritiker bemängeln zudem, dass Hersteller häufig nur einzelne Produkte verändern, während besonders zuckerreiche Varianten weiter im Sortiment bleiben.
Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister von 2021 bis 2025, gehörte zu den prominentesten Befürwortern einer strengeren Ernährungspolitik. Er sah vor allem Kinder von einer massiven Vermarktung stark gezuckerter Lebensmittel beeinflusst. Seine Pläne für schärfere Werbebeschränkungen stießen jedoch auf erheblichen Widerstand, umgesetzt wurde daher wenig. Eine Zuckersteuer hielt Lauterbach für denkbar – allerdings nie als alleinige Lösung.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt seit Jahren, den Konsum freier Zucker deutlich zu senken. Noch klarer formuliert es die Weltgesundheitsorganisation (WHO): Freier Zucker sollte weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen, idealerweise sogar unter fünf Prozent. Kinderärzte und Fachgesellschaften sehen gerade zuckergesüßte Getränke kritisch. Sie liefern viele Kalorien, sättigen aber kaum. Da wundert die Meinung von Foodwatch nicht – die Organisation sieht die freiwillige Strategie der Bundesregierung als unzureichend an und fordert seit Jahren eine gestaffelte Abgabe auf stark gezuckerte Getränke – nach britischem Vorbild.
Der Lebensmittelwirtschaft und seinen Lobby-Verbänden gefällt das naturgemäß nicht. Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL, heute Lebensmittelverband Deutschland) sowie die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke argumentieren, es gebe keine einzelnen „guten“ oder „schlechten“ Lebensmittel. Entscheidend sei die gesamte Ernährung sowie ausreichend Bewegung. Heißt wohl: Man muss sicher was tun, aber es sollte nicht die Hersteller betreffen.
Auch Ökonomen äußern Zweifel. Verbrauchssteuern träfen vor allem Haushalte mit niedrigem Einkommen. Wer ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen müsse, zahle am Ende einen größeren Anteil seines Einkommens für Lebensmittel. Kritiker sprechen deshalb von einer sozial regressiven Steuer.
Man könnte auch noch ganz grundsätzlich argumentieren: Hat der Staat überhaupt darüber zu entscheiden, welche Lebensmittel moralisch erwünscht sind? Heute Zucker, gestern Fett, morgen dann Fleisch, demnächst Chips und gar Obst (wegen Fructose)?
Damit wird die Zuckersteuer fast schon zum Symbol: Hier die Vorstellung, Gesundheit sei ein öffentliches Gut, das politisch geschützt werden muss. Dort das Ideal individueller Eigenverantwortung.
Kehrtwende im Bundestag
Mittlerweile ist allerdings zumindest im deutschen Bundestag eine Kehrtwende eingetreten. Die CDU hat ihren Widerstand gegen eine Zuckersteuer aufgegeben – jedenfalls dort. Damit ist eine Mehrheit im hohen Hause jetzt dafür. Deutschland führt 2028 eine Zuckersteuer auf zuckergesüßte Getränke ein. Die Details stehen fest, aber das parlamentarische Verfahren läuft noch. Vorgesehen sind eine Abgabe von 26 Cent pro Liter bei Zuckergehalten von 5 - 8 mg/100ml und 32 Cent pro Liter bei mehr als 8 mg pro 100ml. Unter 5 mg wird keine Steuer erhoben. Das soll für Softdrinks, Limonaden und Cola gelten, nicht für Fruchtsäfte und Getränke mit Süßstoffen.
Die möglichen Einnahmen werden je nach Quelle auf 450–650 Mio. € jährlich geschätzt. Dabei wird als Ziel die Entlastung der Krankenkassen (man hofft auch noch auf 20–170 Mio. € pro Jahr Einsparungen durch weniger Diabetes, Adipositas etc.) genannt, aber auch Prävention vor Adipositas sowie Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen. Zyniker fragen allerdings, ob die Bundesregierung dabei mehr die Gesundheit der Menschen oder die finanzielle Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung im Sinn hatte.
Und die Kritiker einer Steuer verstummen natürlich nicht. Dass die Hersteller den Aufwand scheuen, verwundert nicht. Schade, dass man nicht die Chancen sieht. Aber selbst der Bundesernährungsminister Alois Rainer positionierte sich wiederholt gegen eine Zuckersteuer. Wobei er sicher auch an „seine“ Bauern denkt. Die sind nämlich auch gegen die Zuckersteuer. Deutscher Bauernverband und die Zuckerrübenanbauer gehören zu den lautesten Kritikern – nachvollziehbar, denn der Zuckerrübenanbau in Deutschland ist eh schon rückläufig und wird dann wohl noch weiter zurückgehen.
Und die stellvertretende Generalsekretärin der CDU Deutschlands Christina Stumpp warnte vor "grüner Bevormundungs-Politik“ und stellt sich damit an die Seite der Kritiker aus dem konservativen und wirtschaftsliberalen Lager der CDU sowie verschiedener Lobby-Verbände. Auch die AfD ist gegen die Steuer, die FDP sowieso.
Die stärksten Befürworter sind dagegen Mediziner‑ und Verbraucherverbände, SPD, Grüne, Linke und die WHO. Der Präsident der Bundesärztekammer und Allgemeinmediziner Klaus Reinhardt nennt die Steuer „dringend geboten“. 46 Mediziner- und Verbraucherverbände hatten gar im Frühjahr an die CDU appelliert, die Steuer zu unterstützen.
Wenn die Vorhaben 2028 tatsächlich umgesetzt werden, hat das natürlich Folgen. Zucker ist ein sehr preiswerter Zusatzstoff für die Hersteller. Allerdings sind Süßstoffe als Alternative auch nicht viel teurer – gemessen pro Süßkraft – nicht beim Gewicht. Zusätzliche Kosten entstehen eher durch neue Rezepturen, Umstellung der Produktion, anderem Marketing und vielleicht durch andere Lieferketten. Höhere Kosten werden vermutlich auf die Produkte umgelegt werden, was die Verbraucher zahlen müssen. In Großbritannien wurden die meisten Produkte übrigens nicht teurer, weil Hersteller alles versuchten, um unter die Steuergrenze zu kommen, also den Zuckergehalt gesenkt haben. Könnte in Deutschland ja auch so kommen.
Die Zuckersteuer ist sicher kein Allheilmittel – aber sie ist eines der wenigen ernährungspolitischen Instrumente, deren Wirkung international gut belegt ist (siehe Beitrag „Deutschland hinkt hinterher“). Kritiker warnen zu Recht vor sozialen und wirtschaftlichen Nebenwirkungen. Doch die Alternative, die Deutschland seit Jahren verfolgt – nämlich die freiwillige Reduktion – hat kaum messbare Erfolge bei Übergewicht oder Diabetes-Erkrankungen gebracht.
Die Zuckersteuer wäre ein wirksames Werkzeug, wenn sie Teil einer breiteren Strategie wird. Allein eingeführt schöpft sie Geld für die Krankenkassen und wäre nur etwas mehr als ein politisches Signal. In Kombination mit Werbebeschränkungen, verbindlichen Pflichten zur Reduzierung von Zucker in Rezepturen und guter, informativer Kennzeichnung und vielleicht noch besserer Ernährungsaufklärung wäre sie ein echter Hebel für gute Lebensmittel, eben Mittel zum Leben, und eine gesündere Ernährung.
Zum Autor: Reiner Mihr
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