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Wie aus einem Nährstoff ein Milliardengeschäft wird?

Ein Artikel von Reiner Mihr
Haben Sie sich im Supermarkt auch schon mal gewundert? Eiweiß- oder Protein-Angebote in fast jedem Regal. Protein-Pudding. Protein-Kaffee (eher Eiweiß-Pulver mit Kaffeegeschmack, immerhin rund 50 Euro pro Kilo). Protein-Milch. Protein-Eis. Protein-Chips. Protein-Brot. Protein-Riegel. Selbst Schokolade, Desserts und Trinkmahlzeiten werben inzwischen mit ihrem Eiweißgehalt. Noch vor zehn Jahren hat man über die Angebote in Dosen oder Eimern im Fitness-Studio gelächelt - war halt noch die Nische für Bodybuilder. Heute ist es Mainstream. Kaum ein Hersteller, der nicht auf den Trend aufgesprungen ist. Kaum ein Händler, der ihm nicht ganze Regal-Flächen widmet. Das Versprechen ist so einfach wie wirkungsvoll: Mehr Protein soll mehr Gesundheit, mehr Fitness, mehr Sättigung – und am besten gleich noch die schlanke Figur bringen. Da ist sogar was dran, aber wieviel vom Versprechen ist richtig, was ist Marketing und was hat das noch mit gesunder Ernährung zu tun?

Protein ist ein lebenswichtiger Nährstoff. Das ist unstrittig. Ohne Eiweiß gäbe es keine Muskeln, keine Enzyme, keine Antikörper, keine Hormone. Proteine sind unverzichtbar. Die Frage sei jedoch erlaubt, ob Millionen Verbraucher tatsächlich jene zusätzliche Eiweißmenge benötigen, die ihnen die schöne neue Produktwelt vorführt. Der Buchautor Christian Wolf ("Der Protein-Fasten-Trick") würde das wahrscheinlich bejahen, propagiert er doch, dass eine proteinreiche Ernährung Heißhunger reduziert und das Abnehmen erleichtert. Wolf schreibt nicht nur Bücher sondern hat auch eine eigene auf Eiweißzufuhr basierende Fastenmethode entwickelt, wozu dann auch die passenden Produkte käuflich erworben werden können. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht die Proteinfrage entspannter. Sie stellte schon vor Jahren klar, das aus „ernährungsphysiologischer Sicht High-Protein-Produkte überflüssig sind". Wer die Vielfalt herkömmlicher Lebensmittel nutze, bekomme genug Protein und spare sich das Geld für die meist teureren Produkte. Klar sei, dass der Großteil der Bevölkerung kein Problem mit der Proteinversorgung habe und ein gesundheitlicher Nutzen durch die Extraportion Protein nicht zu erwarten sei.

Für Anbieter ist Protein aber mehr als ein Nährstoff. Es ist ein Marketinginstrument mit sehr guter Rendite. Ein normaler Pudding kostet im Kühlregal selten mehr als einen Euro. Die High-Protein-Variante desselben Herstellers ist dann aber deutlich teurer und wird auch so verkauft. Oder es werden gleich neue Produktlinien mit hohem Eiweißgehalt produziert, die hochpreisig positioniert werden. Ähnlich verhält es sich bei Müslis, Broten oder Milchprodukten. Der eigentliche Rohstoff – meist Molkenprotein, Milcheiweiß oder pflanzliche Eiweißkonzentrate – macht dabei oft nur einen kleinen Teil der zusätzlichen Kosten aus. Den eigentlichen Mehrwert erzeugen Verpackung, Gesundheitsversprechen und Markenpositionierung. Daraus entsteht im hart umkämpften Lebensmittelmarkt ein seltener Vorteil: Aus einem Standardprodukt wird ein Premium-Produkt. Aus einem gewöhnlichen Joghurt wird ein funktionelles Lebensmittel. Aus einem gesättigten Markt entsteht neues Wachstum.

In den Regalen des Lebensmitteleinzelhandels, wo früher einfach nur Quark und Naturjoghurt standen, finden sich heute Becher mit großen Zahlen – 20 Gramm Protein, 25 Gramm Protein. Damit wird dann ein einzelnes gesundes oder zumindest gesund klingendes Merkmal relevant und überstrahlt die Gesamtbewertung eines Lebensmittels. Ein Produkt erscheint gesünder, obwohl Zucker-, Salz- oder Fettgehalt kaum verändert wurden. Das nennt man übrigens unter Marketingexperten „Health Halo“. Werden also hochverarbeitete Produkte jetzt gesund, weil ihnen Eiweiß zugesetzt wird?

Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung benötigen gesunde Erwachsene bis 65 Jahre rund 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Bei einem Menschen, der 68 kg wiegt, sind das 54 g Protein pro Tag. Das ist dann mit zwei Scheiben Vollkornbrot und Erdnussmus-Aufstrich (15 g Protein), 250 g Ofenkartoffeln mit 150 g Quark (25 g Protein) und 150 g gegarten Linsen (14 g Protein) leicht zu schaffen.
Für Menschen ab 65 Jahren empfiehlt die DGE allerdings etwa 1,0 Gramm pro Kilogramm, da der altersbedingte Muskelabbau den Bedarf erhöhen kann.
Trotzdem: Die meisten Deutschen erreichen die notwendigen Protein-Mengen bereits mit einer normalen Mischkost – oft sogar deutlich darüber.
Dennoch wäre es falsch, den Proteinboom ganz pauschal als Unsinn abzutun.

Der kanadische Wissenschaftler und Experte für Muskelgesundheit Stuart Phillips von der McMaster University in Hamilton zeigt in seinen Forschungen, dass eine höhere Proteinzufuhr insbesondere in Verbindung mit Krafttraining den Muskelaufbau unterstützt und im Alter helfen kann, Muskelmasse zu erhalten. Gleichzeitig betont Phillips immer wieder einen Aspekt, der in der Werbung kaum vorkommt: Entscheidend sei der individuelle Bedarf – nicht möglichst hohe Mengen für jedermann.

Auch Prof. Hans Hauner, Ernährungsmediziner und bis 2024 an der Technischen Universität München, mahnt seit Jahren zur Differenzierung. Nicht einzelne Nährstoffe seien entscheidend, sondern das gesamte Ernährungsmuster. Eine ausgewogene Kost mit Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Milchprodukten oder Fisch liefere in aller Regel ausreichend Eiweiß – ganz ohne Spezialprodukte.
Noch deutlicher wird Prof. Valter Longo, Italo-amerikanischer Gerontologe an der University of Southern California. Der Altersforscher warnt davor, hohe Proteinzufuhr grundsätzlich als gesund zu betrachten. Seine Forschung legt nahe, dass insbesondere dauerhaft hohe Mengen tierischen Proteins mit bestimmten gesundheitlichen Risiken verbunden sein könnten. Longos Botschaft lautet nicht, Eiweiß zu meiden, sondern Maß zu halten und wenn, dann stärker auf pflanzliche Proteinquellen zu setzen. Es steht zu befürchten, dass genau diese Differenzierung im Marketing häufig verloren geht. Dabei ist Werbung in der Europäischen Union mit einer zugelassenen gesundheitsbezogenen Angabe durch die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (Health-Claims-Verordnung, HCVO) gut und streng geregelt. Erlaubt sind eindeutig die Aussagen: Protein trägt zu Erhalt und Aufbau von Muskelmasse sowie zum Erhalt normaler Knochen bei. Diese Aussagen sind wissenschaftlich abgesichert und von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA - European Food Safety Authority) geprüft.

Daraus aber abzuleiten, dass mehr Protein automatisch mehr Gesundheit bedeutet, erscheint zumindest abwegig. Die EFSA hat nie empfohlen, den Proteinverbrauch der Gesamtbevölkerung deutlich zu erhöhen. Vielmehr bestätigt sie die lange bekannte, physiologische Funktion des Nährstoffs – nicht aber die Nützlichkeit oder Vorteile proteinangereicherter Produkte.

Das heißt: Ein Proteinriegel ist ernährungsphysiologisch nicht automatisch hochwertiger als eine Handvoll Nüsse. Ein Proteinpudding ersetzt nicht die Vorteile eines Naturjoghurts mit frischem Obst. Und ein Proteinbrot bleibt ein industriell verarbeitetes Lebensmittel, auch wenn der Eiweißgehalt höher ist als bei normalem Brot. Genau hierin ist die eigentliche Gefahr des Trends spürbar. Verbraucher könnten ihren Blick zunehmend auf eine einzelne Zahl auf der Verpackung richten und verlieren so das große Ganze der Ernährung aus den Augen. Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe oder der Grad der Verarbeitung werden weniger beachtet, geraten in den Hintergrund.

Jetzt könnte man auch noch ökologisch argumentieren. Ein erheblicher Teil der zugesetzten Proteine stammt aus Molke oder Milcheiweiß-Konzentraten. Deren Herstellung erfordert natürlich zusätzliche Verarbeitungsschritte und ist eng an die Milchproduktion gekoppelt. Pflanzliche Protein-Isolate schneiden hinsichtlich der Klimabilanz etwas besser ab, bleiben aber selbstverständlich hochverarbeitete Zutaten.
Die positive Nachricht: Nach heutigem Forschungsstand schadet eine etwas höhere Proteinzufuhr den Nieren gesunder Erwachsener wohl nicht. Gesunde Menschen müssen sich kaum Gedanken ums Eiweiß machen. Anders sieht es bei Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen aus. Für sie kann eine dauerhaft hohe Eiweißaufnahme problematisch sein und sollte ärztlich begleitet werden.
Bleiben die entscheidende Frage: Warum viel Geld für Produkte mit zusätzlich Protein ausgeben, wenn es wenig bis gar nichts bringt? Wenn mit gesunder ausgewogener Ernährung (plus Bewegung) das Gleiche und mehr erreicht werden kann? Und: Wer profitiert denn dann wirklich vom Proteinboom?

Sportler mit intensivem Krafttraining? Ja – teilweise.
Ältere Menschen mit erhöhtem Eiweißbedarf? Ebenfalls.
Patienten nach Operationen oder bei Mangelernährung? Ohne Zweifel.

Die große Mehrheit der Verbraucher jedoch dürfte ihren täglichen Proteinbedarf bereits mit Brot, Milchprodukten, Hülsenfrüchten, Eiern, Fisch oder Fleisch decken. Der größte Gewinner sitzt damit vermutlich nicht am Küchentisch, sondern in Vorstandsetagen der Lebensmittelbranche. Dort hat man einen Nährstoff neu entdeckt, der sich nahezu universell vermarkten lässt. Protein ist wissenschaftlich anerkannt, emotional positiv besetzt und rechtlich mit gesundheitsbezogenen Aussagen bewerbbar. Aus Marketing-Sicht ist das nahezu ein Idealprodukt. Für den Handel eröffnet der Trend zusätzliche Erträge in einem Markt, der ansonsten von Preiskämpfen geprägt ist. Ein Proteinpudding erzielt eben deutlich höhere Margen als ein herkömmlicher Joghurt, ein Proteinriegel höhere Preise als ein Schokoriegel.Vielleicht ist das die eigentliche Lehre des Proteinbooms. Nicht der Nährstoff wurde neu entdeckt – sondern seine Vermarktung.

Eiweiß bleibt lebensnotwendig. Doch aus einer ernährungsphysiologischen Selbstverständlichkeit ist ein milliardenschweres Geschäftsmodell geworden. Wer sich davon nicht blenden lassen will, sollte beim Einkauf weniger auf plakative Grammzahlen achten als auf die einfache Frage, die Ernährungswissenschaft seit Jahrzehnten beantwortet: Ist das Lebensmittel insgesamt ausgewogen? Denn manchmal steckt mehr Gesundheit in einer Schüssel Haferflocken mit Naturjoghurt und einer Handvoll Nüsse als in einem doppelt so teuren Proteinprodukt mit hochglänzendem Etikett und großem Versprechen.