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Abnehmen ist mühsam - Kalorien zählen, Low Carb,  Intervallfasten, Weight Watchers, Personal Trainer,  Fitnessstudio und dann die langfristige Gewichtsreduktion - das schaffen die Wenigsten. Viele erleben nun mit GLP-1-Medikamenten erstmals, dass sie nicht permanent gegen Hunger ankämpfen müssen. Die Spritzen nehmen ihnen den Hunger. Ein Erfolg.

Drei Dinge erklären die Begeisterung für die neuen Medikamente.

Erstens: Noch nie hat ein Medikament derart starke Gewichtsverluste ermöglicht. Viele Patienten verlieren 10 bis 20 Prozent ihres Körpergewichts, manche mehr. Und das soll über Jahre anhalten. 

Zweitens: Das permanente Denken an Essen verschwindet - also das innere "Dauerrauschen" aus Hunger, Gelüsten und Essens-Gedanken. Neue Vokabel zum Lernen: „Food Noise“ - so heißt das. Untersuchungen zeigen nämlich, dass sich unter den GLP-1-Medikamenten bestimmte Hirnsignale, die mit Appetit, Essverlangen oder Heisshunger verbunden sind, messbar verändern. 

Drittens: Die Hersteller verdienen Summen, die selbst in der Pharmaindustrie außergewöhnlich sind. Aus Diabetes-Medikamenten entsteht also einer der größten Arzneimittelmärkte der Geschichte.

Damit wackelt eine bisher allgemein-gesellschaftlich akzeptierte Meinung: die Vorstellung nämlich, Übergewicht sei vor allem ein Mangel an Disziplin - mit ein paar wenigen medizinischen Ausnahmen, wie der Schilddrüsenunterfunktion. Wenn aber die Injektion irgendeines Mittels das Verlangen nach Essen massiv reduzieren kann - war Willenskraft offenbar nicht das richtige oder jedenfalls nicht das einzige Argument gegen Übergewicht.

Warum Menschen zur Spritze greifen

Diabetiker brauchen die Medikamente, weil sie das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmen (daher der Name), welches im Darm nach dem Essen ausgeschüttet wird und den Blutzuckerspiegel regelt. Außerdem werden Blutzuckerspitzen vermieden. Nebenwirkung: Durch eine verzögerte Magenentleerung und Wirkung im Sättigungszentrum im Gehirn sinkt das Hungergefühl - Gewichtsverlust.

Für Diabetiker und wohl auch für viele Adipöse ein Segen - für viele Menschen, die schnell und ohne Mühe abnehmen wollen - ein Hilfsmittel. Und für die meisten besonders wichtig: Scheitern ist fast ausgeschlossen.

Die amerikanische Adipositasforscherin Donna Ryan,vom Pennington Biomedical Research Center (Louisiana State University) - sie prägt die Diskussion über GLP‑1‑Medikamente maßgeblich - argumentiert seit Jahren, dass Übergewicht nicht primär ein Willensproblem sei, sondern eine chronische Erkrankung mit biologischen Ursachen.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus,  athiopischer Biologe und Politiker, seit 2017 Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation,  formulierte es so: "Fettleibigkeit ist eine chronische Krankheit, die behandelt werden kann." Damit ist die bisherige Vorstellung, Übergewicht sei primär eine Frage der Standhaftigkeit, der Disziplin und des Willens nicht mehr aktuell.

Denn die Wirksamkeit der Medikamente ist kaum umstritten. Menschen verlieren durch die Einnahme häufig 15 bis 20 Prozent ihres Körpergewichts. Aber es gibt natürlich auch eine Schattenseite: Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung bis zum Darmverschluss. Diskutiert werden auch Gallenblasenprobleme, Magen-Entleerungsstörungen, hormonelle Effekte, vereinzelt Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und eher selten auch psychiatrische Symptome.

Außerdem geht Muskelmasse beim schnellen Gewichtsverlust verloren. Und nach dem Absetzen nehmen die meisten Patienten wieder zu. Die Medikamente werden also dauerhaft gebraucht, sie beseitigen nicht die Ursachen, sie halten sie in Schach. Wie bei Blutdruckmedikamenten.

Trotz Nebenwirkungen dürften die Medikamente für viele übergewichtige Menschen ein Segen sein. Aber sie sind auch interessant für andere, nämlich für alle die schlank oder  superschlank sein wollen, ohne übergewichtig zu sein. Eine riesige Spielwiese für selbsternannte Ernährungs-Experten und Influenzer in irgendwelchen „Sozialen Medien“. Trends wie “SkinnyTok”, also die  sehr starke Kalorienrestriktion, exzessives Fasten oder “Nicht-Essen” kursieren hier genauso wie die Appetitunterdrückung als Lifestyle, wo Hunger- oder Gewichtsmanagement-Strategien als Statussymbol dienen - nur können die jetzt halt auch noch pharmakologisch verstärkt werden. So wurde der Hashtag „Ozempic“ in sozialen Medien über 350 Millionen Mal geteilt.

Da sind übrigens beileibe nicht nur Jugendliche dabei. Oliver Pocher hat die Medikamente gespritzt, die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey oder auch Robert Geiss ("Die Geissens"). Schlank und jugendlich wollen sie wirken und brauchen dafür die Medikamente.

Prof. Dr. Norbert Stefan (Endokrinologe und Diabetologe aus Tübingen), der auch mit GLP-1-Herstellern zusammengearbeitet hat, bezeichnet die Medikamente zwar als medizinischen Durchbruch für bestimmte Patientengruppen wie Diabetiker -  kritisiert aber die Verharmlosung von Nebenwirkungen und die Vermischung von medizinischer Indikation und Körperoptimierung.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE warnt davor, die GLP-1-Medikamente als Lifestyle-Produkte zu sehen. Sie sollten nur von spezialisierten Ärzten und Ärztinnen verschrieben werden, wenn die medizinische Notwendigkeit besteht und die Anwendung auch überwacht wird. Die DGE bringt aber noch einen Aspekt in die Diskussion: Ein Ansturm auf diese Medikamente könnte die Versorgung der eigentlichen Zielgruppe, der Diabetiker, gefährden.

Das heißt wohl: GLP-1 sind starke Medikamente für kranke Menschen - aber kein harmloses Lifestyle-Tool für gesellschaftlichen Schlankheitsdruck.

Denn die Frage sei erlaubt: Wenn Medikamente das „Dünnsein" ganz einfach verfügbar machen - steigt dann dieser Druck, schlank zu sein? Und wird „Normalgewicht“ zum Minimum? Wenn dann einer noch dick ist, wird er nur noch schräg angesehen, wird also der dicke Körper noch stärker stigmatisiert als jetzt schon?

Wer gewinnt hier eigentlich?

Zwei Unternehmen dominieren den Markt: Novo Nordisk, international tätiger Hersteller von Pharmazeutika aus Dänemark, bekannt für Insulin-, Blutgerinnungs- und Hormonpräparate. Sowie Eli Lilly, amerikanisches Pharmaunternehmen, ebenfalls in der Insulinproduktion erfolgreich. Eli Lilly wurde 1876 vom Namensgeber (einem Apotheker) gegründet, Novo Nordisk gibt es seit 1923.

Eine Frage bleibt dem Autor und stellt sich auch die "Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel" schon lange: Warum akzeptieren wir ein Ernährungssystem, das Übergewicht fördert, investieren anschließend Milliarden in Medikamente gegen dessen Folgen – und nennen das Fortschritt?

(Artikel von Reiner Mihr)