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PRO von Matthias Berninger

"Europa kann doch nicht niedrigere Erträge hinnehmen und noch mehr Agrarprodukte aus anderen Teilen der Welt importieren, denn das erhöht den Druck auf Landnutzungs- änderung, Ernährungssicherung und Klimawandel." – Matthias Berninger

Als sich der Buchdruck im 16. Jahrhundert in Europa verbreitete, entschied man sich im Osmanischen Reich, diesen zu verbieten. Man könne Bücher schließlich auch handschriftlich vervielfältigen. Viele Gegner neuer Pflanzenzuchtmethoden argumentieren genauso. Warum posten Menschen stolz das Impfen mit mRNA Vakzinen auf Social Media, verteufeln aber zugleich gentechnisch basierte Methoden in der Landwirtschaft? Im Falle der Corona-Impfstoffe wurde Mithilfe von Gen-Editierung produzierte Boten-RNA mit Unterstützung von Nanotechnologie in Zellen eingeschleust. Dort haben sie unser Ribosom instruiert, eine Kette von Aminosäuren zu produzieren, welche sich in eine von Künstlicher Intelligenz vorhergesagte dreidimensionale Struktur falten und rein äußerlich dem Coronavirus ähneln, um so die Bildung von Antikörpern anzukurbeln. An der Schnittstelle von Biologie, Chemie und Künstlicher Intelligenz wurde eine Pandemie in nie dagewesenem Tempo besiegt.

Die Impfgegner unter uns können natürlich weiterhin auch den Fortschritt im Pflanzenanbau konsequent verteufeln. Alle anderen sollten aber innehalten. Der Klimawandel hat fatale Folgen für die Ernährungssysteme, die wir unter großem Zeitdruck resistenter gegen Hitze, Trockenheit, Stürme, Krankheits- und Insektenbefall machen müssen. Um das zu schaffen, gilt es, Ideen aus Jahrhunderten agronomischer Praxis, dem ökologischen Landbau und den neuesten Durchbrüchen in Genomforschung zu kombinieren.

Oft wird behauptet, es gäbe noch gar nichts marktfähiges. Das Gegenteil ist der Fall. So haben wir zum Beispiel eine Hellerkrautsorte mit Hilfe vom Geneditierung zu einer Ölsaat gezüchtet, die als Zwischenfrucht und damit nicht im Wettbewerb mit anderen Nutzpflanzen, angebaut werden kann. Die Liste weiterer Innovationen ist lang: sturm- und trockenheitsresistenter Kurzhalmmais, Sorten mit besserer Widerstandfähigkeit gegen Pilzbefall, virenresistenter Maniok oder Bananensorten, und sogar verbesserte Fähigkeiten vom Mais, Reis und Weizen, mit weniger Stickstoffdünger auszukommen. Auf allen anderen Kontinenten werden diese Innovationen bereits angebaut.

Es macht keinen Sinn, dass Genomeditierung vom Europäischen Gerichtshof mit Argwohn betrachtet wird, in-vitro Mutagenese unter Einsatz von Radioaktivität aber als unbedenklich und bewährt eingeschätzt wird. Deshalb bin ich gespannt auf den Vorstoß der Europäischen Kommission, den Rechtsrahmen für Geneditierung anzupassen. Die Vorteile für Klima und Verbraucher liegen auf der Hand. Um diese auch produktspezifisch kommunizieren zu können, ist eine Kennzeichnung wie beim Ökolandbau denkbar. Apropos Öko-Landbau: gerade hier macht es doch Sinn, auf die Biologie zu setzen.

Man kann, wie seinerzeit beim Buchdruck, vor den Risiken warnen und das eigentliche Risiko übersehen: Europa kann doch nicht niedrigere Erträge hinnehmen und noch mehr Agrarprodukte aus anderen Teilen der Welt importieren, denn das erhöht den Druck auf Landnutzungsänderung, Ernährungssicherung und Klimawandel.

 

KONTRA von Dr. Christoph Then

Langfristig können mit Neuer Gentechnik veränderte Organismen zu einer weiteren Destabilisierung der Ökosysteme führen und unsere Lebensgrundlagen gefährden." – Christoph Then

Die spezifischen Risiken genetischer Veränderungen, die durch die Verfahren der Neuen Gentechnik ausgelöst werden, sind leicht zu übersehen, können aber schwerwiegende Folgen für Mensch und Umwelt haben. Zwar kann die Anzahl der Mutationen geringer sein als bei Verfahren der ungezielten Mutagenese, entscheidend ist aber der Ort der Mutationen und die resultierende Kombination der beabsichtigten und unbeabsichtigten genetischen Veränderungen. Hier können sich Pflanzen aus Neuer Gentechnik deutlich von den Pflanzen unterscheiden, die im Rahmen der konventionellen Züchtung zu erwarten sind. Die damit verbundenen Risiken müssen deswegen eingehend geprüft werden.

Zu bedenken ist, dass es nach den Ankündigungen der Industrie nicht bei einzelnen, wenigen Pflanzen bleiben wird. Schon jetzt gibt es dutzende, auch zum Teil sehr fragwürdige Projekte bei wichtigen Nahrungspflanzen wie Weizen, Tomaten oder Raps. Ähnlich wie bei der Verschmutzung der Umwelt mit Plastik und Chemikalien muss es nicht immer ein bestimmter gentechnisch veränderter Organismus sein, der die Probleme verursacht, vielmehr kann die Gesamtheit unterschiedlicher Auswirkungen von Gentechnik-Organismen auf die Umwelt und die Sicherheit von Lebensmitteln entscheidend sein.

Viele der Erwartungen, die mit dem Einsatz von Pflanzen aus neuer Gentechnik einhergehen, sind viel zu hoch gegriffen. Der Einsatz der Neuen Gentechnik wird oft damit begründet, dass angesichts des Klimawandels neue Lösungen benötigt würden, um die Welternährung zu sichern. Tatsächlich haben die Verfahren der Neuen Gentechnik zwar ein großes Potential für genetische Veränderungen, aber es ist nicht einfach, dieses Potential in tatsächliche Vorteile umzusetzen. Die oft extremen Merkmale der Pflanzen aus Neuer Gentechnik können zu erheblichen Nebenwirkungen (‚trade-offs‘) führen. Dadurch können die Pflanzen auch anfälliger für Klimastress und Krankheiten werden. Ob auf diese Weise also tatsächlich bspw. Pflanzen erzielt werden können, die resistenter gegen negative Umwelteinflüsse wie Klimawandel und Pflanzenkrankheiten sind, muss erst noch gezeigt werden.

Generell gilt: Neue Technologien können nicht als nachhaltig gelten, wenn ihr Einsatz dazu führen kann, dass die Ökosysteme durch massenhafte Freisetzungen nicht angepasster Organismen überlastet werden, Risiken unbemerkt in Lebensmitteln akkumulieren, Züchtung durch Patente behindert wird und die Interessen der VerbraucherInnen missachtet werden. Vor diesem Hintergrund müsste eine Technikfolgenabschätzung durchgeführt werden, um leere Versprechungen von realistischen Erwartungen zu unterscheiden und negative Auswirkungen auf Züchtung, Landwirtschaft und die Erzeugung von Lebensmitteln rechtzeitig erkennen zu können.

Langfristig können mit Neuer Gentechnik veränderte Organismen zu einer weiteren Destabilisierung der Ökosysteme führen und unsere Lebensgrundlagen gefährden. Aus diesem Grund sollte die Einbringung von gentechnisch veränderten Organismen in die Umwelt möglichst begrenzt werden.

Zu den Autoren:
Matthias Berninger
Senior Vice President Public Affairs, Science & Sustainability, Bayer AG
bayer.com/de

Dr. Christoph Then
Geschäftsführung, Testbiotech e.V. und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der IG FÜR
testbiotech.org

Foto: pixabay.com/unsplash.com