Auf dem Weg zu einer tiergerechten Nutztierhaltung müssen sich alle Beteiligten aufeinander zu bewegen. Im Rahmen der Untersuchung "Tierwohl in der Nutztierhaltung - Standards und Perspektiven" befragte die VERBRAUCHER INITIATIVE Experten. Die Ergebnisse machen deutlich: Um die Probleme zu lösen, braucht es nicht Siegel, sondern Menschen.
Von Dipl. oec. troph. Laura Gross

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Auf dem Weg zu einer tiergerechten Nutztierhaltung müssen sich alle Beteiligten aufeinander zu bewegen. Im Rahmen der Untersuchung "Tierwohl in der Nutztierhaltung - Standards und Perspektiven" befragte die VERBRAUCHER INITIATIVE Experten, wo die großen Herausforderungen liegen, was nötig ist, um Verbrauchern den tierfreundlichen Einkauf zu erleichtern und welche Rolle Labels dabei spielen könnten. Die Ergebnisse machen deutlich: Um die Probleme zu lösen, braucht es nicht Siegel, sondern Menschen.

Verbraucherinnen und Verbraucher wollen, dass es Schweinen, Hühnern und allen anderen Nutztieren unter den verschiedenen Haltungsbedingungen gut geht. Fragt man Verbraucherinnen und Verbraucher, ob sie sich beim Einkauf an entsprechenden Labels orientieren, zeigt sich, dass sie in dieser Frage den Bio-Betrieben besonders vertrauen. Um herauszufinden, welche Möglichkeiten zur tierfreundlichen Kaufentscheidung sie tatsächlich haben, verglichen wir im ersten Schritt unserer Untersuchung die bekanntesten deutschen Tierwohl-Ansätze anhand ihrer Richtlinien und Kriterien mit dem gesetzlichen Stand. Darüber hinaus ermittelten wir, soweit möglich, die Zahl der Betriebe, die nach diesen Regeln arbeiten, die Zahl der Schlachttiere, die unter diesen Bedingungen gelebt hatten sowie die Bezugsquellen für die verschiedenen Produkte.

Verbraucher halten keine Tiere

Ergebnis: Es gibt ihn nicht, den einen, besten Standard. Für Laien ist es beinahe unmöglich, die Für und Wider der einzelnen Zeichen zu bewerten. Die Produkte mit den höchsten Anforderungen sind am wenigsten verfügbar. Zielführender als der reine Verweis auf die verschiedenen Labels und ihre Kriterien wären daher in der Verbraucherkommunikation alltagsnahe Empfehlungen, die die jeweiligen Gewohnheiten und Erwartungen berücksichtigen. Fakt ist dabei aber auch: Selbst bei konsequentestem Handeln können Verbraucher nicht ein einziges der drängenden Probleme der Nutztierhaltung tatsächlich lösen. Das müssen die Verantwortlichen in der Landwirtschaft, im Transport, in Schlachthöfen, in der Verarbeitung, im Großverbrauch und im Einzelhandel übernehmen.

Verschiedene Perspektiven

Um mehr über die Positionen der gesellschaftlichen Gruppen zu erfahren, sprachen wir im zweiten Schritt mit 32 Fachleuten aus Landwirtschaft, Veterinärmedizin, Lebensmitteleinzelhandel, Fleischverarbeitung und Gastronomie sowie Vertreterinnen und Vertretern von Politik, Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz, Gewerkschaften und Kirchen. In beinahe allen Bereichen wird die Diskussion ums Tierwohl intensiv geführt. Bis auf die Gastronomie. Diese, für den Ernährungsalltag der Menschen so bedeutende Branche, sieht sich derzeit weder als Teil des Problems noch als Teil der Lösung.

Komplexe Herausforderungen

Gefragt nach den derzeit größten Problemen für die Nutztierhaltung beleuchteten die Gesprächspartner ganz verschiedene Missstände. In Sachen Haltungspraxis dominierte die Kritik an nicht-kurativen Eingriffen sowie an mangelnden Platz- und Beschäftigungsangeboten. Darüber hinaus wurden die Umsetzung tiergerechterer Bedingungen in den bestehenden Ställen sowie die unzureichende Beratung für Landwirte als drängende Probleme genannt, was den enormen Diskussions- und Entwicklungsbedarf verdeutlicht.

Veterinäre, Teile der tierhaltenden Landwirtschaft, die Tierschutzverbände und einige Politiker hoben die Tiergesundheit als besonders problematisch hervor. Dies lässt aufhorchen, denn der Schutz vor Schmerz, Leid und Qualen ist schon lange gesetzlich vorgeschrieben. Daraus folgt: Tierschutz und Tiergesundheit müssen auf dem Weg zu einer tiergerechten Nutztierhaltung als eigenständige Ziele betrachtet werden.

Vertreter der Landwirtschaft, des Lebensmitteleinzelhandels sowie der Gewerkschaft und der Wissenschaft thematisierten den ökonomischen Rahmen der Nutztierhaltung als wichtiges Problemfeld. Dagegen kamen die Schwierigkeiten eines Teilstückmarktes sowie Fragen der Preisentstehung, Wirtschaftlichkeit, Preistransparenz oder auch der Vertriebswege in den Problembeschreibungen von Tierschutz- und Verbraucherorganisationen gar nicht vor. Das muss angesichts der Folgen für Angebot und Preisgestaltung für Endverbraucher überraschen. Für uns ist klar: Tierhaltung und Fleischerzeugung haben einen ökonomischen Rahmen. Eine Diskussion um langfristige Strategien für tiergerechte Nutztierhaltung muss diesen Rahmen anerkennen. Auch er muss gestaltet werden.

Politik, Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzverbände sowie Teile der Kirchen problematisieren vor allem die Unzulänglichkeit und Widersprüchlichkeit der gesetzlichen Vorschriften und übten zum Teil harsche Kritik an den staatlichen Kontrollen. Für Landwirtschaft, Verarbeiter und den Handel gehörte auch die Tatsache, dass viele Wünsche an die Tierhaltung mit Bestimmungen im Bau- und Umweltrecht kollidieren, dazu. Eine Debatte um die gesetzlichen Grundlagen der Tierhaltung muss daher auch eine Debatte über Zielkonflikte sein. Zu welchen Kompromissen ist die Gesellschaft bereit?

Keine Euphorie für Labels

Vor dem Hintergrund dieser Problembeschreibungen fragten wir die Expertinnen und Experten, ob und welche der bestehenden Label-Programme vorbildlich sind. Nur die Bio-Standards, Neuland, Für mehr Tierschutz und die Initiative Tierwohl (ITW) wurden dabei überhaupt als relevant für die Diskussion betrachtet. Und nur den Bio-Zeichen und der ITW wurde eine Wirksamkeit am Markt attestiert. Dabei überzeugte die ITW vor allem, weil sie sehr viele Tiere betrifft und das Fleisch überall ohne Aufwand verfügbar ist, während den Bio-Zeichen der hohe Anspruch an die Tierhaltung sowie die Tatsache zugutegehalten wurde, dass sie sehr bekannt und glaubwürdig sind. Für die Zukunft muss es daher darum gehen, diese Programme deutlich weiterzuentwickeln sowie Anspruch und Breitenwirkung miteinander zu verbinden. Auch das staatliche Tierwohl-Zeichen, über dessen Ausgestaltung zum Zeitpunkt der Untersuchung noch nichts bekannt war, wurde als unzureichend bewertet. Vor dem Hintergrund dessen, was an staatlichem Handeln erwartet wird, wurde einem freiwilligen Zeichen, das nur einen kleinen Teil der Tiere beträfe, überwiegend klare Absagen erteilt. Dagegen wünschten sich nicht wenige eine verbindliche Haltungskennzeichnung.

Gemeinsam weiterentwickeln

Inzwischen hat der Handel genau solche Haltungskennzeichen entwickelt und erprobt die verschiedenen Modelle in der Praxis. Käme es hier zu einer Einigung auf einheitliche Kriterien für die verschiedenen Qualitätsstufen sowie zu einem gemeinsamen Auftreten in Wortwahl und Farbgestaltung, könnte sich daraus ein nützliches Informationsinstrument entwickeln. Der Masse der Tiere wäre jedoch nur dann wirklich geholfen, wenn die Handelsunternehmen diese Kennzeichnungen zugleich nutzen würden, um ihr Sortiment absehbar auf die höheren, "tierfreundlichen" Stufen umzustellen.

Das freiwillige staatliche Label ist im September 2018 noch immer nicht ausgestaltet. Gelingt es, dafür zielführende Kriterien, ein glaubwürdiges Vergabesystem und verlässliche Kontrollen zu etablieren, könnte es ein glaubwürdiger Wegweiser werden. Doch für die Millionen Schweine, Hühner und anderen Nutztiere ist es wichtiger, dass sich die Haltungsbedingungen in allen Ställen tatsächlich verbessern, Verstöße gegen Tierschutzregeln verlässlich entdeckt und geahndet werden und wir zu einem System kommen, in dem alle Abnehmer von tierischen Produkten die artgerechte Nutztierhaltung finanzieren.

Die Untersuchung "Tierwohl in der Nutztierhaltung - Standards und Perspektiven" (2017/2018) steht auf www.verbraucher.org/studien vollständig zum Download zur Verfügung.

Laura Gross
Diplom-Ökotrophologin
Fachbereichsleitung Ernährung
der VERBRAUCHER INITIATIVE e. V.

Den Artikel finden Sie auch im IG FÜR Magazin 3/2018.

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Termine und Veranstaltungen

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Arbeitsgruppe Fulda

Jeden ersten Montag des Monats organisiert die IG FÜR interessante Vorträge in Fulda rund um die Themen Gesundheit und nachhaltiges Leben.

Veranstaltungsort: tegut… Zentrale, Gerloser Weg 72, 36039 Fulda, Raum: Wasserkuppe (im 3. Obergeschoss)

Eintritt frei, Spenden sind willkommen!

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Jeden letzten Mittwoch des Monats organisiert die IG FÜR interessante Vorträge in Kempten rund um die Themen Gesundheit und nachhaltiges Leben.

Veranstaltungsort: 's Lorenz, Prälat-Götz-Straße 2, 87439 Kempten, Telefon: 0831 28584

Eintritt frei, Spenden sind willkommen!

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Immer mittendrin, immer im Austausch. Die IG FÜR sucht den Kontakt mit der Öffentlichkeit, um so ein gesellschaftliches Bewusstsein von der Bedeutung gesunder Lebensmittel für die Gesundheit der Menschen zu fördern.

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Die IG FÜR gibt in regelmäßigen Abständen das IG FÜR Magazin (ehem. IG FÜR Zeitung) heraus, um ihre Mitglieder rund um das Thema „Lebensmittel sind Mittel zum Leben“ und über die Aktivitäten der IG FÜR zu informieren. Die aktuellen Ausgaben finden Sie hier zum Download. Viel Spass beim Schmökern!

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IG FÜR MAGAZIN 3/2018

  • Bericht & Fotos von Symposium und Mitgliederversammlung in Berlin
  • Verleihung des Goldenen Ehrenbriefs an Jürgen Mäder
    (Geschäftsführer EDEKA Südwest)
  • Tierwohl - Labels sind nur Teil der Lösung
  • Neues Vorstandsmitglied
    Michaela Meyer (EDEKA Südwest)
  • Vorstellung des IG FÜR Mitgliedsunternehmens SunflowerFamily

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