Die Entscheidung zum umstrittenen Ackergift Glyphosat lief auf eine Verlängerung der Zulassung in der EU um weitere fünf Jahre hinaus. Nach diesem, für die meisten unerwarteten, Ergebnis wird um eine nationale Lösung für ein Verbot in Deutschland gerungen. - Von Dr. Renate Pusch-Beier 

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Die Entscheidung zum umstrittenen Ackergift Glyphosat lief auf eine Verlängerung der Zulassung in der EU um weitere fünf Jahre hinaus. Nach diesem, für die meisten unerwarteten, Ergebnis wird um eine nationale Lösung für ein Verbot in Deutschland gerungen: Beschränkung des Einsatzes von Glyphosat so weit wie möglich.

Vom Ackergift Glyphosat nun zum Thema Pestizide allgemein und deren weltweite Verbreitung! Umweltschützer fordern größte Anstrengungen bei der Suche nach Alternativen zur Anwendung von chemischen Giftspritzen.

Zu den Pestiziden gehören z. B. Biozide, Dioxine und Endocrine Disruptoren.
Biozide sind im nichtagrarischen Bereich eingesetzte Chemikalien oder Mikroorganismen zur Schädlingsbekämpfung, z. B. Desinfekionsmittel, Rattengifte oder Holzschutzmittel.
Viele Biozide werden auch als Pflanzenschutzmittel (PSM) auf dem Feld bzw. im Gewächshaus verwendet.

Dioxin(e) ist im allgemeinen Sprachgebrauch eine Sammelbezeichnung für chemisch ähnlich aufgebaute chlorhaltige Dioxine und Furane. Das toxischste Dioxin ist das 2,3,7,8 Tetrachlor-Dibenzo-p-Dioxin (2,3,7,8 TCDD), „Seveso-Gift“ genannt. Es gelangte beim Chemie-Unfall 1976 in Seveso in die Umwelt. Dioxine sind allgegenwärtig. Ihre Aufnahme über die Luft, Nahrung usw. lässt sich nicht vermeiden. Dioxin-ähnlich sind polychlorierte Biphenyle (PCB).

Endocrine Disruptoren (hormonaktive Substanzen, EDs) stecken in Plastik als Weichmacher (Bisphenol A), in Kosmetika, Arzneimitteln und Pestiziden wie Dioxin und PCB. Parabene kommen in Körpercremes und wegen ihrer antimikrobiellen und fungiziden Wirkung als Konservierungsmittel in Lebensmitteln vor. Ein Beispiel für natürlich vorkommende EDs sind Phytoöstrogene.
Ein massiver Wiederstand der Industrie behindert Fortschritte bei der Regulierung hormonschädlicher Chemikalien, für die sich das Europaparlament 2009 entschied.

Zu den besonders bienengefährlichen Pestiziden gehören Fipronil und Neonicotinoide, die wesentlich zum Artensterben bei Insekten und Vögeln beitragen.

Fipronil steht unter Verdacht, „karzinogen“ und ein endokriner Disruptor zu sein. Bereits geringe Mengen lösen eine dauerhafte Störung des zentralen Nervensystems aus und führen zum Tode von Bienen und anderen Insekten.

Neonicotinoide sind synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die sich an Rezeptoren von Nervenzellen binden und so die Weiterleitung von Nervenreizen behindern. Sie wirken selektiv viel stärker auf Insekten als auf Wirbeltiere. Verwendung finden Neonicotinoide hauptsächlich als Saatgutbeizmittel. Sie werden in Honig nachgewiesen.
Fipronil gehört mit drei Neonicotinoiden (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin) zu den Pestiziden, die 2013 von der EU-Kommission mit Teilverboten belegt wurden. BASF, Bayer und Syngenta klagten gegen diese Teilverbote. BASF erhielt Recht bei Fipronil (topagrar, 18.5.2018), die Klagen von Bayer und Syngenta wurden zurückgewiesen. Bayer hat Berufung angekündigt (welt.de, 28.7.2018).
Nach gewonnenem Rechtsstreit mit dem Bundesverwaltungsgericht könnten schon im August erste Insektengifte mit den neuen Bienengiften Sulfoxaflor, Flupyradifuron und Cyantraniliprol von Bayer-Monsanto und DowDuPont (USA) auf den Markt kommen (Umweltinstitut, 25.6.2018)! Neuester Stand: die neuen Bienengifte sind bisher nicht auf dem Markt (Umweltinstitut, 18.9.2018). Das Verbot der drei Neonicotinoide (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin) im Freiland wurde von der EU beschlossen (Tagesspiegel.de, 27.4.2018).

Biologischer Pflanzenschutz zählt zu den Alternativen der chemischen Keule

Chemisch-synthetische Pestizide sind im ökologischen Landbau tabu. Bt (Bacillus thuringiensis)-Toxin-bildende Bakterien werden gegen Fraßschädlinge (Raupen) eingesetzt. Für viele Schad- und Krankheitserreger gibt es natürliche Gegenspieler, zum Beispiel Nützlinge wie Marienkäfer und Schlupfwespen, natürlich vorkommende Bakterien, Pilze, Viren, Insekten, Milben und Nematoden, aber auch Pflanzenextrakte. Biologische Pflanzenschutzmittel (PSM) hinterlassen keine toxischen Rückstände, z. B. bei Einsatz von Nematoden, Bakterien und Pilzen.

Pestizide im Wasser
28 Prozent aller Grundwassermessstellen liegen über dem derzeitigen Nitratgrenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Bei rund 19 Prozent der deutschlandweit erfassten Messstellen werden PSM und ihre Metabolite gefunden. Keines der untersuchten deutschen Fließgewässer ist noch frei von Medikamentenrückständen (M. Mödinger, IG FÜR Magazin 3/2017). Der EuGH verurteilte Deutschland wegen zu hoher Nitratwerte (21.6.2018). Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Klage gegen die Bundesregierung wegen Wasserverschmutzung eingereicht (topagrar, 31.5.2018, 16.7.2018).

Pestizide im Boden
PSM können mit ihren unerwünschten Nebenwirkungen auch nützliche Bodenorganismen schädigen. Dadurch wird die Biodiversität im Boden gefährdet. Es kann zu unerwünschten Rückständen in Pflanzen kommen (Bundesumweltamt, 25.5.2016), die dann in die Nahrungskette gelangen.

Schwermetalle im Boden
Cadmium gelangt durch mineralische Phosphor-Dünger aus Rohphosphaten in den Boden. Intensive Mineraldüngung führt zu vermindertem Bodenleben und Humusabbau. Weitere problematische Schadstoffe in Düngemitteln sind Uran, Quecksilber, Blei, Nickel und Arsen. Der Einsatz von Mineraldünger im ökologischen Landbau ist verboten.

Düngeverordnung
Das neue Düngerecht (gültig ab 1.1.2018) soll zu Gunsten des Gewässerschutzes und der Luftreinhaltung vor Überdüngung schützen. Das 2017 verschärfte Düngerecht reicht nicht aus, die hohe Nitratbelastung des Grund- und Oberflächenwassers zu reduzieren, so die Begründung für die bereits erwähnte Klage der DUH (topagrar, 17.7.2018). Sie fordert eine Überarbeitung der neuen Düngeverordnung. Eine Verringerung der Freisetzung von Ammoniak aus Düngung und Viehzucht würde die Konzentration an Feinstaubpartikeln – die wichtigste Ursache für die Luftverschmutzung – in der Atmosphäre erniedrigen (Max-Planck-Institut für Chemie Mainz, 27.10.2017).

Den Artikel finden Sie auch im IG FÜR Magazin 3/2018.

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Termine und Veranstaltungen

Ob Symposium, Fachtagungen, Vorträge oder Vorstandstreffen, hier informieren wir Sie über kommende Veranstaltungen der
IG FÜR in den Arbeitsgruppen Kempten und Fulda.

Arbeitsgruppe Fulda

Jeden ersten Montag des Monats organisiert die IG FÜR interessante Vorträge in Fulda rund um die Themen Gesundheit und nachhaltiges Leben.

Veranstaltungsort: tegut… Zentrale, Gerloser Weg 72, 36039 Fulda, Raum: Wasserkuppe (im 3. Obergeschoss)

Eintritt frei, Spenden sind willkommen!

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Arbeitsgruppe Kempten

Jeden letzten Mittwoch des Monats organisiert die IG FÜR interessante Vorträge in Kempten rund um die Themen Gesundheit und nachhaltiges Leben.

Veranstaltungsort: 's Lorenz, Prälat-Götz-Straße 2, 87439 Kempten, Telefon: 0831 28584

Eintritt frei, Spenden sind willkommen!

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IG FÜR Unterwegs

Immer mittendrin, immer im Austausch. Die IG FÜR sucht den Kontakt mit der Öffentlichkeit, um so ein gesellschaftliches Bewusstsein von der Bedeutung gesunder Lebensmittel für die Gesundheit der Menschen zu fördern.

Weitere IG FÜR Unterwegs Beiträge

IG FÜR MAGAZIN

Die IG FÜR gibt in regelmäßigen Abständen das IG FÜR Magazin (ehem. IG FÜR Zeitung) heraus, um ihre Mitglieder rund um das Thema „Lebensmittel sind Mittel zum Leben“ und über die Aktivitäten der IG FÜR zu informieren. Die aktuellen Ausgaben finden Sie hier zum Download. Viel Spass beim Schmökern!

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IG FÜR MAGAZIN 3/2018

  • Bericht & Fotos von Symposium und Mitgliederversammlung in Berlin
  • Verleihung des Goldenen Ehrenbriefs an Jürgen Mäder
    (Geschäftsführer EDEKA Südwest)
  • Tierwohl - Labels sind nur Teil der Lösung
  • Neues Vorstandsmitglied
    Michaela Meyer (EDEKA Südwest)
  • Vorstellung des IG FÜR Mitgliedsunternehmens SunflowerFamily

Ausgaben 2018: Nr. 3Nr. 2 / Nr. 1
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