Symposium 2016 TitelLebensmittelskandale, Verbrauchertäuschung, Monopolisierung: Das muss nicht sein! Schon jetzt gibt es Leuchtturmprojekte, die sich für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln stark machen. Die IG FÜR bot ihnen auf dem 9. IG FÜR Symposium ein Forum.

Die Weihnachtstage liegen vor der Tür und plötzlich gewinnt auch das Essen wieder an Bedeutung. Es wird in großer Runde gekocht, gebacken und gemeinsam geschlemmt. Im Alltag ist jedoch oft das Gegenteil der Fall: „gutes Essen“ kommt zu kurz. Im Einkaufskorb landet, was billig ist, sich rasch zubereiten lässt und schnell satt macht. Die Folgen sind fatal: Die industrielle Landwirtschaft mit ihrem Streben nach immer höheren Erträgen zerstört mit dem Einsatz von Pestiziden und chemisch-synthetischen Düngemitteln das empfindliche Gleichgewicht der Natur und die Qualität und Vielfalt der Lebensmittel leidet.

Doch es geht auch anders, wie das 9. IG FÜR Symposium „Zukunft gestalten: Mit Qualität und Vielfalt“ am 12. November 2016 in Fulda eindrücklich zeigen konnte. Ganz im Sinne der IG FÜR „gute Kräfte zu stärken“, stellten acht Referenten ihre positiven Leuchtturmprojekte im Morgensternhaus vor. Durch das Programm führte gewohnt souverän der Chefredakteur der Lebensmittel Praxis, Reiner Mihr.

Essen ist politisch

Den Einstieg bei den Referenten machte Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, dem Bundesverband der grünen Wirtschaft. Sie betonte direkt zu Beginn, dass Landwirtschaft ein Schlüsselthema für Klima, Gerechtigkeit und Umwelt sei. Die Entscheidung für eine ökologische Landwirtschaft und für nachhaltige, regionale und faire Produkte sei immer auch eine politische Entscheidung. Denn sie präge entscheidend die Welt in der wir leben. Eine These, die sie mit Dr. Ursula Hudson, der Vorsitzenden von Slow Food Deutschland, teilte. Die Autorin und Wissenschaftlerin führte in Ihrem Vortrag ebenfalls aus, dass Essen weit mehr ist als bloßes Sattwerden. Für sie ständen Lebensmittel gleichermaßen für Genuss und Verantwortung: „Wir gestalten die Welt mit unserem Essen. Deshalb müssen wir endlich raus aus dem Industriesystem, das unsere Felder mit Monokulturen übersät. Kurz: Wir müssen wieder hin zu einer bunten Vielfalt.“

Um eine zukunftsfähige Ernährung zu erreichen, müsse dem Verbraucher aber auch endlich die Freiheit der Wahl gegeben werden, forderte Dr. Hudson. Und das bedeute für Hersteller nicht nur ehrliche Preise zu etablieren, bei denen ökologische und soziale Kosten nicht einfach externalisiert werden, sondern auch eine ehrliche Kommunikation. Ein Punkt, den zuvor bereits Dr. Reuter unterstrichen hatte. Bio-Lebensmittel werden mit Bio-Siegeln markiert. Dabei wäre es laut Dr. Reuter doch viel effektiver, wenn es die konventionellen Lebensmittel wären, die mit Etiketten ausgezeichnet würden: „Stände auf einer konventionellen Banane im Supermarkt ‚Pestizid-Banane’, hätten wir das Problem auf einen Schlag gelöst.“

Essen ist Genuss

Stina Spiegelberg, Autorin und Vegan-Bloggerin, plädierte für einen genussvollen Umgang mit Lebensmitteln. Ihr Projekt „Veganpassion“ startete sie 2010 als Gute-Laune-Rezepteblog. Ihr Ziel war es zu zeigen, wie farbenfrohe Pflanzenküche Spaß machen kann. Der Erfolg gibt ihr Recht: Mit ihren liebevoll gestalteten Rezepten und ihren Koch- und Backkursen führt sie Privatpersonen, Unternehmen und Schüler spielerisch an eine gesunde, pflanzliche Ernährung und ein nachhaltiges Leben heran. „Über den Genuss erreiche ich die Menschen und ganz nebenbei lernen sie jede Menge über Nährstoffe und Vitamine“, freut sich Spiegelberg.

Mit dem Genussgefühl arbeitet auch Medizinerin Dr. med. Susanne Kümmerle in der Fachklinik in Oberstdorf. In ihrem Vortrag berichtete sie aus dem Klinikalltag und ihrer Arbeit mit Übergewichtigen. Diese müssten erst langsam zu einer bewussten Ernährung hingeführt werden. Dabei betonte sie, wie wichtig es sei, hier nicht belehrend, sondern unterhaltend zu agieren. Nur so könne man die Patienten wieder für eine gesunde Ernährung begeistern.

Essen und Trinken mit Mehrwert

Nach der Mittagspause und einem reichhaltigen Bio-Buffet folgte ein Vortrag von Tobias Bandel. Bandel ist Geschäftsführer von Soil & More International, einem Unternehmen,das sich auf die Beratung zu Bodenfruchtbarkeit sowie die Analyse und Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien in der Landwirtschafts- und Lebensmittelbranche spezialisiert hat. In seinem Vortrag entwarf er ein Bild von seiner täglichen Arbeit, die sich über den gesamten Globus spannt. Dabei zeigte sich deutlich, dass Nachhaltigkeit mehr als eine Checkliste ist. „Nicht immer lässt sich eine Farm komplett auf Bio umstellen: Manchmal müssen eben auch kleine Schritte reichen, wenn damit die Farm vor dem Ruin bewahrt werden kann.“ Wichtig ist ihm deshalb ein pragmatischer Ansatz: Die Maßnahmen müssten zum jeweiligen Kunden passen und schnell umsetzbar sein. Doch nicht nur die Unternehmen profitieren von einem nachhaltigen Umgang mit der Natur. Auch die Gesellschaft sei gefordert, damit sich wieder eine „AgriKultur“ entwickle: „Der neuste Flatscreen oder das neuste Handy ist für viele selbstverständlich, aber bei Nahrungsmitteln kann es nicht billig genug sein. Mit der Entscheidung für nachhaltige und hochwertige Produkte kann jeder Einzelne etwas verändern“, so Bandel.

Dass die Menschen dazu durchaus bereit sind, zeigt das Beispiel der Upländer Bauernmolkerei. Noch gut erinnere sich Geschäftsführerin Karin Artzt-Steinbrink an die Stammtischwetten, als die Bauernmolkerei 1996 gegründet wurde: „Man gab uns drei Monate, maximal vier Jahre“, erklärte Artzt-Steinbrink. Tatsächlich feierte die Bauernmolkerei nun 2016 mit 115 Bio-Milchlieferanten ihr Jubiläum. Und während die konventionellen Milchbauern unter dem ständig sinkenden Milchpreis leiden, bleibt der Milchpreis für die Bio-Bauern stabil. „Unsere Kunden sind uns über die Jahre treu geblieben. Sie greifen bewusst zu unseren Milchprodukten, weil sie wissen, dass sie hier schon immer ein faires und ökologisches Produkt bekommen.“

Auch Dr. Uwe Meier ist davon überzeugt, dass ein faires und nachhaltiges Produkt etwas verändern kann. Seit seinem Ruhestand engagiert er sich für fairen Kakao. Auslöser war eine Dokumentation über Kindersklaven in der Kakaoproduktion. Kurzerhand entwickelte der studierte Gärtner eigene Kriterien, was fairer Kakao für ihn leisten müsse: Es sollte u.a. Biodiversität sichern, das Klima schützen und eine Kultur des Friedens schaffen. All das fand er schließlich bei Kleinbauern in Kolumbien. Mitten im Brennpunkt gelegen, ermöglicht er mittlerweile 67 Bauernfamilien ein stabiles Einkommen, indem er ihren Kakao kauft – ein echter „Friedenskakao“, wie er in seinem Vortrag sagte. Zu kaufen gibt es den fairen Kakao des Braunschweigers in Form des Braunschweiger Löwen.

Dass man auch vor der eigenen Haustür etwas verändern kann, zeigte daraufhin Karin Frank in ihrem Vortrag. Die Permakultur-Designerin beschäftigt sich seit Jahren mit solidarischer Landwirtschaft und Gemeinschaftsgärten und initiiert, unterstützt und baut selbst Permakultur-Projekte auf. Das Ergebnis zeigte sie anhand zahlreicher Fotos und Videomaterial. „Wichtig ist mir, dass die Hügelbeete leicht zu bearbeiten sind. Nach der Arbeit will keiner im Schlamm rumkriechen.“ Einmal angelegt, liefern die Gärten den umliegenden Bewohnern immer frisches Gemüse und Obst. „Das ist wie Einkaufen in Lebensmittelregalen“, freut sich Frank. Und zugleich schafft das eigene Anbauen wieder ein Gefühl für den Wert der Lebensmittel.

Wertvolle Lebensmittel

Und das ist es auch, was alle Leuchtturmprojekte gemeinsam hatten. In ihrer Diversität und Vielfältigkeit führten die Referenten den Teilnehmern des Symposiums den Wert gesunder und nachhaltig erzeugter Lebensmittel vor Augen. Lebensmittel sind „Mittel zum Leben“ und als solche bestimmen sie auch die Welt, in der wir leben. Oder um es in den Worten von Dr. Hudson zu sagen: „Unsere Essensentscheidungen sind von planetarischer Bedeutung.“ Und diese Entscheidungen sollten wir bewusst treffen.

 Impressionen von der Veranstaltung finden Sie hier:

Mehr zum Symposium auch unter:

http://www.brehl-backt.de/wenn-mein-teller-die-welt-veraendert/


Copyright © 2017 - Interessengemeinschaft FÜR gesunde Lebensmittel e.V.