Mensch und Bienen
: Blick auf eine wechselvolle Beziehung

Dr. Bernhard Zimmer vom Bayerischen Institut für Nachhaltige Entwicklung beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Verhalten der Bienen. Hier finden sie einen ausführlichen Vortrag von ihm, den er anlässlich der 5. Traunsteiner Homöopathie-Tage in Traunstein am 9. April 2016 gehalten hat. 

Ähnlich wie in den 1980er Jahren um den Wald müssen wir uns seit einigen Jahren um unsere Bienen Sorgen machen, denn sie sind in ihrem Bestand bedroht. Längst macht der Begriff des "Bienensterbens" die Runde. Die Imkerinnen und Imker haben seit Jahren immer größere Probleme ihre Bienen über den Winter zu bringen und die Stressfaktoren nehmen zu. Das alles ähnelt sehr stark der Diskussion um das "Waldsterben". Neu ist jedoch: Dieses Mal geht es direkt um unsere Ernährung.

Erst die Biene, dann der Mensch

Bienen haben sich bereits in der Kreidezeit vor über 110 Millionen Jahren entwickelt und die Honigbienen, die es nachweislich vor 20 Millionen Jahren schon in Europa gab, waren der heutigen "Westlichen Honigbiene" (Apis mellifera) bereits erstaunlich ähnlich. Die allerersten Vertreter der Gattung "Homo", vor etwa 3 Millionen Jahren, konnten das Summen unserer Honigbienen hören und waren Nutznießer der Vielfalt an Blütenpflanzen und ihrer Früchte, die sich mit der Vielfalt an Bienenarten entwickelt hatte.

Steinzeitliche Höhlenmalereien, wie die Felsmalerei aus Cuevas de Araña bei Bicorp / Valencia, zeigen, dass der Mensch schon sehr früh die Bienenprodukte für sich entdeckt und genutzt hat. Etwa 10.000 Jahre alt ist die Zeichnung des oder der Honigjägerin in Spanien, die einen Baum erklettert, um Honig aus einem Bienennest zu holen. Die Honigjäger mussten die wilden Bienenvölker aufspüren, um den Honig zu erbeuten.

Vom Honigjäger zum Imker

Die gezielte Haltung von Bienen, d.h. das Halten von Bienen in von Menschen gebauten Behausungen, begann sehr früh und erlebte eine erste nachgewiesene Blütezeit um 3.000 v. Chr. im alten Ägypten. Der Honig galt damals als Speise der Götter und auf dem Nil waren bereits die ersten Wanderimker unterwegs. Honig hatte neben seiner Eigenschaft als Süßungsmittel vor allem einen hohen medizinischen und kultischen Wert. Daneben fand Bienenwachs in der Kosmetik, im Metall- und Lederhandwerk, aber auch zur Herstellung von Schreibtäfelchen Anwendung.

In der griechischen Antike wurde die medizinische Bedeutung des Honigs entdeckt. Um 400 v. Chr. lehrte Hippokrates, dass Honigsalben Fieber senken und das Honigwasser die Leistung der Athleten bei den antiken Olympischen Spielen verbesserte. Der griechische Philosoph Aristoteles betrieb erste wissenschaftliche Studien an Bienen.

Eine Urkunde des Herzogs Odilo von Bayern belegt 748 erstmals die Waldbienenzucht, die als Zeidlerei bezeichnet wird. Zunächst wurden dabei Bienenvölker in hohlen Baumstämmen abgeerntet. Später wurden die betreffenden Baumstücke herausgeschnitten und im Hausbereich der Zeidler aufgestellt. Damit war die sog. Klotzbeute geschaffen. Um 800 befahl Karl der Große, Imkereien auf seinen Gütern einzurichten. Die Imkerei entwickelte sich auf diese Weise zu einem wichtigen Berufsstand.

Imkerei heute

Waren es in den 1950er Jahren noch etwa 2,5 Millionen, gibt es heute in Deutschland nur noch etwa 750.000 Bienenvölker, die von 110.000 Imkerinnen und Imker gehalten und betreut werden. Nach Aussage des Deutschen Imkerbundes gehören die deutschen Bienen zu den fleißigsten auf der Welt, denn jedes Bienenvolk produziert eine durchschnittliche Erntemenge von 20-30 kg Honig. Allerdings ist die Nachfrage nach Honig in Deutschland viel höher: So können nur etwa 20 Prozent des eigenen Bedarfes gedeckt werden, 80 Prozent des in Deutschland verzehrten Honigs werden zusätzlich importiert.

Den Berufsstand der Imkerei gibt es heute fast nicht mehr. Nur noch 1 Prozent der Imker hatten im 2015 mehr als 50 Bienenvölker. 96 Prozent der Bienenhalter betreiben die Imkerei mehr oder weniger als Freizeitbeschäftigung. Zudem befindet sich die Imkerei nach wie vor in einem ungeheuren Umbruch: Der Honigmarkt ist enormen Veränderungen unterworfen, die Ertragslage ist katastrophal, Bienenkrankheiten und Umwelt- und andere Einflüsse bedrohen immer mehr die Bienenhaltung. Der Rückgang der berufsmäßigen Imkerei ist immer noch nicht gestoppt und es stellt sich die Frage, ob mit der sich zunehmend entwickelnden Kleinstimkerei eine flächendeckende, stabile Bienenhaltung und damit Pflanzenbestäubung garantiert werden kann.

Wir haben die Honigbienen von uns Menschen abhängig gemacht und merken erst jetzt wie abhängig wir von den Bienen geworden sind. Es geht nicht mehr nur um unsere "Honigsemmel" zum Frühstück, es geht längst um den Erhalt unserer Lebensgrundlage. Das Projekt "Pidinger Bienenweg" ist ein Versuch über die Bienenhaltung, mit der Biene gemeinsam den Einstieg in eine nachhaltige Lebensmittelproduktion zu finden. Die Aussicht auf guten Honig soll den Weg dorthin versüßen und die Freude am Tun erhalten.

Die Bedeutung der Bienen

Rund 80 Prozent der 2.000 bis 3.000 heimischen Nutz- und Wildpflanzen in Deutschland sind auf Bienen als Bestäuber angewiesen. Die Biene ist zwar das kleinste Nutztier des Menschen, aber vielleicht das wichtigste, denn sie ist für immerhin 30 Prozent der globalen Ernte an Nahrungsmitteln verantwortlich. Neuere Forschungsergebnisse zeigen darüber hinaus, dass sich die Bestäubung durch die Bienen auch auf die Qualität der Früchte – und damit den Vitamin- und Mineralstoffgehalt – positiv auswirkt. Die Bienenbestäubung, 100 Millionen Jahre evolutionäre Entwicklung, wird also niemals durch technische Systeme zu ersetzen sein.

Honig, Wachs, Propolis: Viele wertvolle Bienenprodukte mögen ja zukünftig auch importiert werden können, die Bestäubungsleistung aber niemals. Der volkswirtschaftliche Nutzen der Bestäubung liegt also weit über dem Wert des Honigertrage, in Deutschland bei etwa zwei bis drei Mrd. Euro.

Doch auch wenn die Honigbiene in der Diskussion im Vordergrund steht, darf nicht vergessen, dass wir wesentliche Nutzpflanzen haben, die nahezu ausschließlich von Wildbienenarten bestäubt werden. Ein besonders gutes Beispiel sind Tomaten: sie werden überwiegend von Hummeln bestäubt. Aber auch wesentliche Heilpflanzen wie Beinwell und Taubnessel brauchen Wildbienen, ein Ergebnis der Evolution. Wenn wir also von der Bedeutung der Bienen sprechen, meinen wir auch die 560 in Deutschland vorkommenden Wildbienenarten.

Die Bienen sind in Gefahr

Mensch und Honigbiene leben seit Jahrtausenden in enger Verbindung. Wir haben die Honigbiene, durch Züchtung und Bewirtschaftung von uns fast vollständig abhängig gemacht. Deshalb tragen wir auch eine besondere Verantwortung für ihr Überleben. Doch was gefährdet nun unsere Bienen? Wo liegen die Ursachen für Ihr Sterben?

Bienen sind in Gefahr:

  • weil mit der zunehmenden Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft eine Verarmung der Blütenlandschaft sowie eine Verringerung des Nahrungsangebotes verbunden ist.
  • weil der Einsatz von Agrargiften, aber auch von Pestiziden in unseren Gärten enorm zugenommen hat. Die Schädigung der Bienen geschieht auch oftmals indirekt.
  • weil übertriebene und einseitig ausgerichtete Züchtung und Bewirtschaftung die genetische Vielfalt und damit die Anpassungsfähigkeit der Honigbienen stark eingeengt hat.
  • weil epidemisch auftretende Krankheiten und durch die Imkerei eingeschleppte Parasiten (Varroamilbe, Beutenkäfer) die Bienenvölker dezimieren und in ihrem Bestand gefährden.
  • weil die mit dem Klimawandel verbundenen Wetterextreme rasch zu besonderen Stresssituationen im Jahresverlauf führen. Beispielsweise der Verlust der Synchronisation das Zusammenspiel von Blühzeitpunkt und Brutzyklen, der vor allem Wildbienenarten gefährden kann.
  • weil unsere aufgeräumten Gärten und Landschaft weder Lebens- noch Brutraum insbesondere für Wildbienen bieten.
  • weil der Rückgang der Artenvielfalt vor allem spezialisierte Wildbienenarten sehr schnell in ihrer Existenz bedrohen.
  • weil viel zu viele Fragen offen sind und auch der Einfluss neuer Technologien wie Mobilfunk und Gentechnik ein hohes Risiko für die Bienen bedeuten.

Bienenfreundliche Zukunft gestalten

Das Thema Bienen hat uns längst emotional berührt, spätestens dann wenn wir den Film "More than Honey" gesehen haben. Jetzt wollen wir helfen und werden aktiv, aber statt das Problem an der Wurzel zu packen, greift Aktionismus um sich. "Insektenhotels" und "Saatgut für Bienenpflanzen" haben Hochkonjunktur. Dabei wär es manchmal so einfach: weniger wäre deutlich mehr.

Viel Energie und Zeit setzen wir ein, um all die verblühten Stängel im Garten abzuschneiden, den potenziellen natürlichen Brutraum zu entfernen, um im Frühjahr Bündel aus Schilfrohr aufzuhängen. Totholz aus der Landschaft zu entfernen, um dann gebohrte Stammscheiben aufzustellen. 560 Wildbienenarten sind eine große Vielfalt, sie brauchen Vielfalt an Lebensraum und Nahrungsangebot.  Wenn wir also für unsere Bienen etwas tun wollen, dann sollten wir:

  • weniger intensiv mähen, denn je mehr Blumen in einer Wiese wachsen, umso größer und vielfältiger ist das Angebot.
  • weniger aufräumen in unseren Gärten. Eine „unordentliche Ecke“ in jedem Garten schafft mit wenig Aufwand mehr Lebensraum als jedes gut gemeinte Insektenhotel.
  • Gemeinden, Bauhöfe und Straßenbauämter auffordern endlich ein Blühflächenmanagment einzuführen und ihre Flächen weniger intensiv zu pflegen, denn das spart Arbeitszeit, Energie und ist ökonomisch sinnvoll.
  • aufhören Pflanzen zu züchten, die vor lauter Blütenblätter keiner Biene mehr Nahrung bieten.
  • unseren Erfindergeist einsetzen, um Alternativen zu entwickeln. Das betrifft auch die Imkerei, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und wieder mehr "Natürlichkeit" zulassen muss. Vermehrung unter Ausnutzung des Schwarmtrieben, Naturwabenbau, etc. sind hierzu die Stichworte.
  • das Wort „Unkraut“ aus unserem Wortschatz streichen, denn Pflanzen wie der Löwenzahn sind für unsere Bienen die wertvollsten.

Mensch und Bienen brauchen die Homöopathie

Alternativen zulassen und fördern, um zu mehr Gesundheit zu kommen. Das trifft für Mensch und Biene gleichermaßen zu.

Beispielhaft ist die vielleicht die Varroose zu nennen, verursacht durch die Varroamilbe, die vor über vierzig Jahren durch die Imkerei selbst in Europa eingeschleppt wurde und die für unsere Westliche Honigbiene bestandsbedrohend ist. Seit über vierzig Jahren wird die Varroamilbe mit chemischen und anderen Methoden bekämpft, sie kann aber maximal eingedämmt werden. Die Bekämpfung der Varroamilbe steht seit vielen Jahren im Zentrum unzähliger Versammlung und Schulungen, der Aufwand steigt und viele der Behandlungsmethoden sind für das Bienenvolk eine zweifelsfrei hohe Belastung.

Erhöhter Stress durch die Varroamilbe, aber auch durch die Bekämpfungsmethoden sowie durch Umweltbelastungen vermindern die Vitalität der Bienenvölker dauerhaft. Es wäre daher dringend an der Zeit über "alternative Behandlungsformen" nachzudenken und diese zum Wohl unserer Bienen und Imkerinnen und Imker anzuwenden. Der Mensch braucht die Bienen, denn ohne sie wird es keine Bestäubung geben und ohne Bestäubung werden unsere Teller bedenklich leer werden.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Bernhard Zimmer.

Kontakt:
FH-Prof. Dr. rer. silv. Bernhard Zimmer
bifne – Bayerisches Institut für nachhaltige Entwicklung
Hosemannstr. 28
83451 Piding
www.bifne.de
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