Die Zukunft beginnt hier und heute

Am 22. September 2012 besuchte Prof. Dr. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises und IG FÜR Ehrenmitglied, die Upländer Bauernmolkerei. Das dabei entstandene Interview können Sie hier nachlesen.

 

Welche Probleme und negative Entwicklungen sehen Sie im Zusammenhang von Gentechnik und Artenvielfalt?
Die schlimmste Konsequenz ist für mich eindeutig die Monopolisierung des Saatgutes. Damit geht potentiell die totale Kontrolle von multinationalen Konzernen über unsere Saatgutversorgung einher. Die Konzerne operieren dabei teilweise mit mafiaähnlichen Methoden. Ein aktueller Beleg dafür ist die polemische Kampagne und Attacke gegen mich im Zusammenhang mit der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises am 23. September 2012. So wenig wie eine andere Meinung und Kritik von der Gentechnikindustrie toleriert wird, so wenig tolerieren sie die Vielfalt auf unseren Feldern und in unseren Gärten. 


Wo ist angesichts dieser Problematik der größte Handlungsbedarf?
Im Fokus muss der Kampf gegen die Monopolisierung der Forschung und deren Ergebnisse stehen. Wir brauchen viel mehr unabhängige Forschung und Studien, vor allem im Hinblick auf das Gesundheitsrisiko und die negativen ökologischen Auswirkungen der Gentechnik. Letztendlich geht es um die Verteidigung der Freiheit des Saatgutes. Und genau deswegen haben wir eine weltweite Kampagne gestartet mit dem Ziel, eine globale Allianz zur Verteidigung des Saatgutes zu schmieden. Saatgut ist keine Erfindung der Konzerne. Saatgutvielfalt ist vor allem das Ergebnis der praktischen Auslese von Bauern und der evolutionären Entwicklung über Jahrhunderte. Und deshalb ist es völlig unakzeptabel, dass es zu einer Monopolisierung des Saatgutes kommt bzw. dass Saatgut patentiert wird. Dies ist eine eindeutige Fehlentwicklung, die auch eine sehr undemokratische Entwicklung ist. Die Gesetze, die diese Monopolisierung und Patentierung ermöglichen, sind uns einfach übergestülpt worden.

Was können wir hier konkret tun, um diese Fehlentwicklung zu stoppen?
Ich habe vor über 20 Jahren Navdanya gegründet, um der dreifachen Bedrohung etwas entgegenzusetzen: Die Patentierung von Leben, die Gentechnik und das Überstülpen der Gesetze und internationalen Regelungen, die all dies ermöglichen. Wir müssen sowohl das Saatgut und auch unsere Haustierrassen von der Geisel der Patentierungen befreien. Außerdem brauchen wir ein Wirtschaftssystem, das auf fairer Zusammenarbeit und Demokratie basiert – genauso wie Ihr das hier mit Eurer Molkerei macht. Damit seid Ihr im Geiste auch Partner von unserem Navdanya-Netzwerk. Von Ghandi haben wir gelernt, dass wir eine moralische Verpflichtung zum Widerstand haben, wenn Gesetze und Regeln ungerecht sind. Konkret heißt das ein klares Nein zur Patentierung und letztendlich auch eine Verpflichtung aktiven Widerstand zu leisten. Damit sind wir in Indien bereits sehr erfolgreich. An Gandhis Geburtstag, Anfang Oktober, haben wir mit einem sehr ambitionierten Projekt eine weltweite Widerstandsbewegung zur Verteidigung der Freiheit des Saatgutes auf den Weg gebracht. In einem weltweiten Bündnis werden wir nicht nur die Gedankenfreiheit verteidigen, sondern für die Kontrolle über unser Leben kämpfen. Lasst uns gemeinsam überall Zonen und Regionen aufbauen, in denen wir eine Freiheit bzw. Vielfalt an Saatgut und Tierrassen haben. Wir kön- nen nicht zulassen, dass sich fünf multinationale Konzerne über Patentierung und Gentechnik die Kontrolle über unser Leben anmaßen. Die Erde gehört weder denen, noch uns. Wir sind allerdings verantwortlich, die Freiheit der Natur zu verteidigen, denn sie garantiert unser Überleben.

Was haben wir denn bislang gemeinsam erreicht? Wo sind unsere Erfolge?
Nun, bei unserem Kampf geht es nicht, wie bei einem Fußballspiel, um gewinnen oder verlieren. Allein die Tatsache, dass wir uns wehren, dies kreativ artikulieren und die weltweite Entwicklung des biologischen Landbaus ist ein ganz großer Erfolg. Teil dieses Erfolges seid Ihr hier mit Eurer Molkerei und mit den Bauern, die die wunderbare Milch liefern. In unserer Welt des Manchester- Kapitalismus (wirtschaftliche Ausbeutung) dürfte es eigentlich so etwas wie Euch gar nicht geben. Die Tatsache, dass es den Konzernen noch nicht gelungen ist, die Vielfalt an Pflanzen und Tieren fundamental zu zerstören, ist ein Erfolg. 1987 haben auf einer öffentlichen Veranstaltung in Genf fünf Agrarchemie- und Saatgutkonzerne ihren Plan dargelegt, dass sie bis zum Jahr 2000 die Kontrolle über das Saatgut und die Lebensmittelproduktion haben werden. Das ist ihnen auch nach 25 Jahren noch nicht gelungen! Es gibt Euch hier, es gibt uns in Indien und wir werden jeden Tag mehr, die sich für das gleiche Ziel einsetzen und aktiv die nötigen Veränderungen herbeiführen. Die Zukunft beginnt heute und auch hier in Eurer großartigen Bauernmolkerei.

Herzlichen Dank für die Übersetzung an Bernward Geier, colabora-together.

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