Die Risiken und Langzeitfolgen der Agro-Gentechnik

Von gentechnisch verändertem Mais bis hin zu Klonschafen und gentechnisch veränderten Insekten: Die moderne Biotechnologie drängt in den Alltag. Und das, obwohl mit der Entwicklung zahlreiche Risiken verbunden sind. Testbiotech bietet hier einen Überblick über die aktuelle Agro-Gentechnik und ihre Gefahren.

Als Agro-Gentechnik wird der Anbau und die Verwendung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in der Landwirtschaft verstanden. Es werden vor allem Pflanzen wie Soja, Mais und Baumwolle angebaut, die gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent gemacht wurden oder Insektengifte produzieren. Hauptanbauländer für Gentechnik-Nahrungspflanzen sind Argentinien, Brasilien, Kanada und USA. Für den Anbau der Gentechnik-Baumwolle ist zudem Indien ein wichtiges Land. 2015 wurde auch erstmals ein gentechnisch verändertes Tier für die Nahrungsmitteproduktion zugelassen, ein „Turbo-Lachs“, der mit zusätzlichen Wachstumshormon-Genen manipuliert wurde.

Die Folgen von Freisetzung und Anbaus der Gentechnik-Pflanzen

Nach 20 Jahren kommerziellen Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen sehen wir zum Teil drastische Folgen: In mehreren Regionen der Welt ist uns die Kontrolle über die Ausbreitung gentechnisch veränderter Organismen bereits entglitten. Gentechnik-Konstrukte finden sich unter anderem in wilden Verwandten von Baumwolle, Raps und Gräsern. Auch in regionalen Landsorten wie z.B. im Mais in Mexiko, auf den Philippinen und in Südafrika findet sich immer wieder Gentechnik. Mit den Folgen dieser unkontrollierten Ausbreitung müssen die nachfolgenden Generationen leben. Treten Langzeitfolgen auf, kann man kaum wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ergreifen.

In Ländern wie den USA gibt es immer mehr resistente Unkräuter und auch die Schädlinge passen sich an die Gentechnik-Pflanzen an. Die Folge: Es findet ein regelrechtes Wettrüsten auf dem Acker statt. Angebaut werden Pflanzen, die bis zu sechs verschiedene Insektengifte produzieren und zudem gegen mehrere Unkrautvernichtungsmittel wie Glyphosat, 2,4 D und Dicamba resistent gemacht wurden. Alternativen zu dieser Entwicklung gibt es in den Anbauländern wie den USA kaum: Züchtung und Verkauf von patentiertem Saatgut ist fest in den Händen von Konzernen wie Monsanto. Diese beherrschen den Handel mit Saatgut und die Zukunft der Züchtung: Sie melden Patente auf die Pflanzen, dass Saatgut und die Ernte an und haben die meisten traditionellen Züchter aufgekauft.

Agrogentechnik in der EU

In der EU werden kaum gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. In Spanien wird auf etwa 100.000 Hektar Mais von Monsanto und Pioneer angebaut, der ein Insektengift produziert (MON810). Dagegen sind schon etwa 60 verschiedene Gentechnik-Pflanzen für den Import in die EU und für die Verwendung in Lebens- und Futtermitteln zugelassen. Die Folgen des Verzehrs dieser Pflanzen und die Kombinationswirkungen ihrer Rückstände wurden nie wirklich untersucht. In die EU importieren wir vor allem Gentechnik-Soja, das meist über das Tierfutter in die Nahrungskette kommt. Produkte wie Fleisch, Milch und Eier, die von diesen Tieren stammen, müssen nicht gekennzeichnet werden.

Gegenüber Ländern wie den USA können wir in der EU allerdings auf wesentlich mehr Wahlfreiheit für VerbraucherInnen bauen und können Maßnahmen für den Schutz der gentechnikfreien Landwirtschaft ergreifen. Lebensmittel, Saatgut und Futtermittel müssen entsprechend gekennzeichnet sein. Werden Gentechnik-Pflanzen angebaut, müssen sie in einem Register verzeichnet werden. Die EU-Staaten könne auch Einspruch gegen den Anbau von Gentechnik-Pflanzen einlegen. Das könnte sich ändern, wenn Freihandelsabkommen wie CETA und TTIP unterzeichnet werden. Im bereits ausgehandelten CETA Abkommen zwischen der EU und Kanada findet sich für die Grundpfeiler der EU Gesetzgebung, die Wahlfreiheit und das Vorsorgeprinzip, kein Platz.

Aber auch in der EU arbeitet die Gentechnik-Industrie daran, die bestehenden Schutzstandards zu unterlaufen: Neue Gentechnik-Verfahren (Gen-Editing, Synthetische Gentechnik) sollen nicht mehr als Gentechnik gelten. Klonfleisch kommt schon jetzt ohne Kennzeichnung auf den Markt.

Der Unterschied zwischen Gentechnik und Züchtung

Die konventionelle Züchtung arbeitet mit ganzen Zellen und dem kompletten Erbgut von Pflanzen und Tieren. Die Gentechnik arbeitet dagegen mit isolierter DNA - nach dem Baustein-Prinzip. Die Aktivität der neu eingefügten DNA wird bei gentechnischen Verfahren erzwungen. Die normale Genregulation wird umgangen, damit in den Ziel-Organismen die neue biologische Information umgesetzt werden kann. Die Gentechnik steht damit im Gegensatz zu den Methoden der Züchtung: Sie versucht, den Pflanzen neue Stoffwechselwege aufzuzwingen, während die Züchtung das natürliche Potential der Pflanzen abruft. Auch die Mutationszüchtung basiert auf den Mechanismen der Evolution: Pflanzen sind ständig Reizen (wie dem UV-Licht) ausgesetzt, die Mutationen hervorrufen können. In ihrem Erbgut gibt es permanent Veränderungen. Es bleibt aber der natürlichen Genregulierung der Pflanzen überlassen, welche der Mutationen sich schließlich durchsetzen.

Die durch die Gentechnik erzwungene Veränderung der Gen-Funktion hat oft Auswirkungen auf die Aktivität anderer Gene in den Pflanzen. Diese unbeabsichtigten Effekte können sich auf das Genom, die Zelle und/oder den ganzen Organismus auswirken. Mittels Gentechnik werden den Pflanzen auch neue Proteine und Stoffwechselfunktionen aufgezwungen (beispielsweise die Produktion von Insektengiften durch Einfügen von Bakterien-DNA), die durch Mutationszüchtung nicht erreicht werden können und an die die Pflanzen nicht durch evolutionäre Prozesse angepasst sind.

Die Unterschiede zeigen sich auch in den konkreten Anwendungen der Gentechnik: Wünschenswerte Pflanzeneigenschaften - wie höhere Ernten oder Toleranz gegen widrige Umwelteinflüsse (z.B. Klimawandel) - sind mit Hilfe der Gentechnik schwer oder gar nicht zu erreichen. Hier sind moderne Züchtungsverfahren oft erfolgreicher. Das hat gute Gründe: In vielen Fällen beruhen die gewünschten Eigenschaften nicht auf einzelnen DNA-Abschnitten, sondern auf komplexen genetischen Wechselwirkungen. Diese können auf dem Weg der konventionellen Züchtung wesentlich besser bearbeitet werden als durch Übertragung von „Genbausteinen“.

Wem nützt die Gentechnik?

Das Saatgut der Gentechnik-Pflanzen stammt fast ausschließlich von Konzernen, die auch Pestizide herstellen: Monsanto, Dupont, Syngenta, Bayer und Dow Chemical heißen die Großen des internationalen Saatgutgeschäfts. Diese Konzerne kaufen kleinere Saatgutfirmen auf, patentieren Gene und beanspruchen so die gesamte Wertschöpfung bis hin zum Verbraucher. Die meisten dieser Pflanzen wurden mittels Gentechnik resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide) gemacht oder produzieren selbst Insektengifte (Insektizide). Zunehmend werden beide Eigenschaften kombiniert. Vorteile bieten diese Pflanzen unter Umständen für Landwirte, die bei der Bekämpfung von Unkräutern Zeit sparen wollen. Treten bestimmte Insekten als Schädlinge auf, kann die Ernte bei Gentechnik-Pflanzen, die in ihren Zellen Insektengifte produzieren höher ausfallen. Allerdings führen die derzeit zur Vermarktung zugelassenen gentechnischen Pflanzen nicht per se zu höheren Erträgen. Zudem passen sich auch Unkräuter und Insektenschädlinge an die Dauergift-Belastung auf den Gentechnik-Feldern an – die Evolution hebelt die Gentechnik aus. Die Landwirte spritzen in der Folge noch mehr Pestizide. Am Ende steigt so nicht nur ihr Arbeitsaufwand, sondern auch die Giftbelastung für die Umwelt.

Zudem führt die Verunreinigung mit gentechnisch verändertem Pflanzenmaterial zu Problemen in der Produktionskette von Lebensmitteln. Sie kann sowohl beim Saatgut, im Anbau oder auch bei der Verarbeitung zum Lebensmittel auftreten und unter anderem große wirtschaftliche Schäden verursachen.

Gentechnik-Tiere in der Landwirtschaft

In den 1980er und 1990er Jahren arbeitete man u.a. an Schweinen, die gripperesistent sein sollten, andere sollten ihr Futter besser verdauen oder wurden mit Wachstumshormongenen traktiert. Schafe sollten Wolle produzieren, ohne geschoren werden zu müssen, Kühe gar menschliche Muttermilch produzieren. Einen erheblichen Schub erhielten die Bemühungen durch das Klonschaf „Dolly“: Vor Dolly war jedes Gentechnik-Tier eine Art Einzelstück, jetzt konnte man Kopien der manipulierten Tiere herstellen.

2015 wurde  gentechnisch veränderter Lachs der Firma Aquabounty/Intrexon, in den USA zur Vermarktung zugelassen. Der Gentechnik-Lachs produziert zusätzliche Wachstumshormone und wächst deswegen angeblich achtmal schneller als normaler Lachs. Derzeit arbeiten verschiedene Firmen an Tieren, die mehr Muskeln haben oder Milch mit veränderten Inhaltsstoffen produzieren oder an Haltungsbedingungen angepasst werden. Dabei kommen neue Gentechnik-Verfahren (Gen-Editing, Synthetische Gentechnik) zum Einsatz.

Auch Insekten werden gentechnisch verändert: Die britische Firma Oxitec entwickelt Gentechnik-Insekten für verschiedene Anwendungen. In Spanien und Italien hatte Oxitec einen Antrag auf experimentelle Freisetzung von gentechnisch veränderten Olivenfliegen gestellt. Hier sind die männlichen Tiere so manipuliert, dass ihre weiblichen Nachkommen sterben, die männlichen Nachkommen sind hingegen in ihrer Überlebensfähigkeit nicht eingeschränkt. Dadurch soll die Schädlingspopulation reduziert werden. Olivenfliegen gelten als invasiv, sie breiten sich rasch in geeigneten Lebensräumen aus - ein Experiment ohne jede Kontrollmöglichkeit.

Synthetische Gentechnik

In den letzten Jahren wurden neue Gentechnik-Verfahren entwickelt, die im Wesentlichen auf folgenden technischen Anwendungen beruhen:

  • der künstlichen Synthese von DNA - mit und ohne natürliche Vorlage;
  • der Möglichkeit zur gezielteren Einfügung der DNA an fast jeder Stelle des Erbgutes, insbesondere mithilfe von Nukleasen oder DNA-Scheren (Gen-Editing);
  • Zellkulturen von Tieren, die im Labor vermehrt, gentechnisch verändert und dann zur Entwicklung von Embryonen genutzt werden können;
  • Eingriffen in die Genregulierung (Epigenetik).

Die neuen Methoden der „Synthetischen Gentechnik“ bzw. des „Gen-Editing“ unterscheiden sich erheblich von dem, was bisher unter dem Begriff Gentechnik verstanden wurde:

  • Die Struktur der DNA ist nicht mehr abhängig von natürlichen Vorlagen, sondern kann am Computer umgeschrieben und dann im Labor synthetisiert oder aus Vorlagen unterschiedlicher Arten zusammengesetzt werden.
  • Zum Teil muss gar keine DNA übertragen werden, vielmehr kann das Erbgut direkt in der Zelle „umgeschrieben“ werden (Gen-Editing).
  • Um die biologischen Eigenschaften von Organismen zu verändern, muss man nicht immer die Struktur der DNA verändern – man kann dies auch über eine Manipulation der Gen-Regulierung erreichen.
  • Mit den neuen Verfahren sind radikale Veränderungen im Erbgut möglich, wie Veränderungen der DNA an mehreren Stellen des Erbgutes oder die Einfügung von Erbmaterial, für das es  keine natürliche Entsprechung gibt.

Darüber hinaus gibt es auch Bestrebungen, Lebewesen völlig neu zu konstruieren – diese wurden jedoch bisher nicht realisiert.

Unter anderem arbeiten folgende Organisationen in Deutschland kritisch zur Agrogentechnik. Hier finden Sie weitergehende Informationen:

Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, AbL
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND
Gen-ethisches Netzwerk
Greenpeace
Save our Seeds, SOS
Testbiotech

Quelle: Testbiotech 2016.


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