Lebensmittel adé?

Bodenabbau webWenn wir als Kunden unsere prall gefüllten Lebensmittelmärkte in Deutschland mit Lebensmitteln aus aller Welt bestaunen, kommen wir bei diesem Überfluss nicht auf den Gedanken eines Mangels. Dabei ist es genau das, was uns droht, wenn wir so weitermachen wie bisher. – Von Georg Sedlmaier

Ein Lebensmittelüberangebot bringt seit vielen Jahren eine Preissenkungs- und Verdrängungswelle zur Freude vieler Verbraucher. Alles in Hülle und Fülle, möglichst das ganze Jahr über und billig wie nie. Doch was auf den ersten Blick positiv erscheinen mag, hat viele negative Folgen, derer wir uns beim Griff ins Lebensmittelregal oft nicht bewusst sind. Einige davon möchte ich hier in aller Kürze aufgreifen:

Die Verschwendung von Lebensmitteln hat riesige Ausmaße erreicht

Eine für die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen durchgeführte Studie schätzt den „food waste“ auf Ebene der Verbraucher in den USA und Europa auf 95 bis 115 Kilogramm/Kopf und Jahr. Wenn man alle Verluste zusammenzählt, kommen die Industrienationen auf 225 bis 300 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Wir könnten rein rechnerisch doppelt so viele Menschen ernähren, ohne dass auch nur einer weniger bekäme, wenn wir das, was erzeugt wird, tatsächlich auch essen würden.1

Fruchtbarer Boden wird zu einem immer knapperen Gut

Auch die Fakten zur Bodenfruchtbarkeit machen nachdenklich. Nur noch etwa neun Prozent der Böden Chinas sind fruchtbar, 18 Prozent davon schon heute mit Schadstoffen kontaminiert. Bodenzerstörung wird auch durch falsche Bewässerungstechniken verursacht: die Versalzung. Solche Degradationsprozesse finden weltweit statt. In der Summe der Degradationsformen verliert die Menschheit jedes Jahr fruchtbare Böden im Umfang von zehn Millionen Hektar – fast so viel wie die gesamte Ackerfläche der Bundesrepublik Deutschland. In ihrem „Millenium Ecosytem Assesment Report“ schätzen die Vereinten Nationen, dass zwischen 1950 und 1990 ein Drittel aller fruchtbaren Böden weltweit durch Degradation verloren gegangen ist.2 Die Kosten der Bodendegradation belaufen sich weltweit auf 6,3 bis 10,6 Billionen US-Dollar jährlich – etwa 10 bis 17 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.

Neben diesen Degradationsprozessen geht fruchtbarer Boden auch durch die zunehmende Bodenversiegelung verloren. Allein in Deutschland hat sich die Siedlungs- und Verkehrsfläche in den letzten 60 Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2014 wurde täglich eine Fläche von 69 Hektar neu ausgewiesen. Das entspricht etwa der Größe von 100 Fußballfeldern. Das Ziel der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, bis 2020 die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr auf 30 Hektar pro Tag zu verringern, rückt in weite Ferne. Überall in Europa werden wertvolle Humusböden vernichtet, verbaut, zubetoniert und vermaist.
Hinzu kommt der Verlust an Artenvielfalt. Fruchtbare Böden besitzen einen unvorstellbaren Artenreichtum. Eine Handvoll Ackerboden enthält mehr Organismen als Menschen auf diesem Planeten leben. Die dünne Erdkrumme, in und auf der sich das Landleben unseres Planeten abspielt, ist das Produkt jahrhundertelanger, permanenter Zersetzungs-, Umwandlungs- und Aufbauprozesse unzähliger, größtenteils sehr kleiner Lebewesen, von denen uns bis heute nur ein Bruchteil bekannt sind. Dass gesunder Boden, seine langfristige Fruchtbarkeit, Widerstands- und Regenerationsfähigkeit eine sehr empfindliche Grundlage aller Landwirtschaft ist, haben menschliche Zivilisationen seit dem Übergang zum Ackerbau immer wieder schmerzhaft erfahren.

Wenige Unternehmen kontrollieren den Saatgutmarkt

Nicht weniger dramatisch ist der zunehmende Verlust an Vielfalt in der Landwirtschaft. Von den über 7.000 Pflanzenarten, die für die menschliche Ernährung kultiviert wurden, liefern heute nur noch 15 Pflanzenarten ungefähr 90 Prozent der menschlichen Nahrung weltweit und 8 Tierarten. Das Holstein-Rind mit einem Anteil von 90 Prozent aller weltweit gehaltenen Milchkühe hat schon ein Monopol. Bei der Geflügelzucht sind es weltweit im Wesentlichen nur noch drei Unternehmen. Dies ist eine gefährliche genetische Verengung, die durch Agro-Gentechnik nur noch verstärkt wird.

Seit mehr als 20 Jahren werden die künftigen Segnungen der Agro-Gentechnik gepriesen. Manche nennen sie "Grüne Gentechnik" und ihre Versprechen sind groß: Welthunger stillen – mehr Arbeitsplätze – weniger Spritzmittel. Doch es regen sich Zweifel. Die Frankfurter Rundschau schrieb am 14. März 2014 im Bereich Wirtschaft: „Gentechnik doch kein Allheilmittel“. Demnach haben US-Farmer, die gentechnisch verändertes Saatgut verwenden, zwar oft mehr im Portemonnaie als ihre Kollegen, die ohne Laborsaaten arbeiten. Doch die Studie „Genetically Engineered Crops in the United States“ des US-Landwirtschaftsministeriums USDA zeigt auch auf: „Ein Weiter-so funktioniert nicht.“
Nach 20 Jahren kommerziellen Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen sehen wir heute bereits die drastischen Folgen in der Landwirtschaft: In Ländern wie den USA, Brasilien und Argentinien findet ein Wettrüsten gegen resistente Unkräuter und Schädlinge statt. In verschiedenen Regionen ist dort die Kontrolle über die Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen bereits entglitten.3

Was können wir gegen die Lebensmittelverknappung tun?

Als IG FÜR gesunde Lebensmittel e. V. bemühen wir uns gute Zukunftswege aufzuzeigen. 21 Autoren aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Peru und Ägypten konnte ich in dem Sammelband: „Vielfalt statt Einfalt – Leben und Essen im Einklang mit der Natur“ (BOD Verlag) mit ihren lesefreundlichen Beiträgen gewinnen. Im Folgenden möchte ich beispielhaft vier Projekte daraus vorstellen:

  1. Seit vielen Jahren beeindruckt mich die Ganzheitlichkeit der Oase SEKEM in Ägypten. Seit 1977 bemüht sich der Gründer Prof Dr. Ibrahim Abouleish 50 Kilometer außerhalb der ägyptischen Hauptstadt Kairo, einen innovativen ganzheitlichen Weg mit großem Erfolg einzuschlagen. 7000 Hektar Wüstenfläche wurden bisher begrünt. SEKEM hat heute rund 1.850 Mitarbeiter. 250 Kleinbauern beliefern die Initiative. Alle produzieren ökologisch und bewirtschaften insgesamt 6.500 Morgen Land. Sie produzieren heute Kräutertees, Lebensmittel, Frischprodukte, Naturtextilien, Rohstoffe zur Weiterverarbeitung, pflanzliche Arzneimittel und mehr. SEKEMs Firmen verfügen über alle wichtigen internationalen Zertifizierungen. Die biologisch-dynamische Methode schützt die Böden (z.B. durch Kompostierung), indem sie die Krankheits- und Erosionsresistenz erhöht. Die Bearbeitung mit Kompost, Gründünger und biologisch-dynamischen Präparaten hat im Laufe der Zeit zu einer Änderung der Bodenzusammensetzung geführt mit höheren Werten von organischer Substanz. Diese Wüsteninitiative ist heute eine "Pilgerstätte für Menschen guten Willens". Ich kann einen Besuch und die Bücher und Filme über dieses hoffnungsgebende, ökologische Wüstenprojekt nur empfehlen.4
  2. Ein weiteres Beispiel ist tegut...gute Lebensmittel in Fulda. Als ich in Fulda 1990 als Vorstandsmitglied begann war der Bioanteil an unserem Lebensmittelsortiment weit unter einem Prozent. Durch vorausschauendes Teamwork sind es heute im Durchschnitt 25 Prozent Bioanteil und in Universitätsstädten sogar über 30 Prozent Anteil. Das tegut...-Reinheitsversprechen basiert auf der Überzeugung, dass Zusatzstoffe meist die menschlichen Sinne täuschen und vom wahren Geschmack des Produktes ablenken. Für die tegut...-Eigenmarken bedeutet das den generellen Verzicht auf Gentechnik und auf viele Zusatzstoffe, wie z.B. Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Süßstoffe, gehärtete Fette, Hefeextrakt. Dem Wunsch nach Transparenz wird durch das Aufdrucken der Lieferantennamen und Kontaktdaten auf jedem Eigenmarken-Produkt entsprochen: Ganz nach dem Motto „Ehrlich schmeckt am besten“.
  3. Die Marke  ‚VonHier’ der Firma Feneberg im Allgäu wurde verdientermaßen schnell zum Kundenliebling. Diese Marke trägt sich, weil alle etwas davon haben: die Erzeuger für ihre Arbeit, das Handelsunternehmen und genauso die Feneberg-Kunden. Jeder der über 600 Erzeuger ist Mitglied in einem ökologischen Anbauverband. Verbände wie Naturland, Bioland und Demeter regeln klar, was Bio bedeutet und stecken ihre Kriterien dabei noch enger ab als die EU. Das heißt für die „VonHier“-Landwirte unter anderem, dass sie keine chemisch-synthetischen Produktionsmittel verwenden dürfen: Pestizide, Fungizide, Herbizide oder vorbeugende Antibiotika – das alles ist tabu. So soll die Belastung von Boden, Wasser und Pflanzen und damit von Mensch und Tier vermieden werden. Auch die Wege werden bewusst kurz gehalten – mit einem max. Radius von 100 Kilometern. Die „VonHier“-Bauern pflegen Feuchtwiesen und erhalten alte Streuobstwiesen, sie bewahren Berghänge vor der Verbuschung und kümmern sich um Biotope und um vom Aussterben bedrohte Haustierrassen. Sie widmen sich vielen Dingen scheinbar am Rande und bewahren so einen Reichtum, der für uns alle Heimat und Identität bedeutet.5
  4. Sutterlüty´s „Bsundrige“ vetreibt Produkte aus der Region Vorarlberg. Aktuell gibt es bereits 150 Sutterlüty´s Geheimtipps aus der Region. Mit dem Ländle und Ländle Pur Herzen geben sie sich auf den ersten Blick zu erkennen. Diese Auszeichnung erhalten nur Produkte, die streng definierte Regionalitätskriterien erfüllen. Derzeit sind das rund 3.000 verschiedene Artikel aus allen Bereichen. In naher Zukunft wollen die Ländle-Märkte die Hälfte des Umsatzes mit regionalen Produkten erwirtschaften. Derzeit liegt der Anteil bei rund einem Drittel. Damit fließt immerhin bereits jeder dritte Euro zurück in die Region. Sutterlüty will bis 2020 der Lebensmittelmarkt mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck werden! Über 1500 Landwirte haben eine echte Zukunftschance erhalten.6

Wir Lebensmittelkaufleute haben die „Brücken zu bauen, auf denen die Verbraucher ihren Weg von den guten Vorsätzen zur nachhaltigen Praxis tatsächlich gehen können.“7 Doch wie können wir „Brückenbauer“ werden?

  • Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob die jahrzehntelange Preisspirale nach unten nicht dazu beigetragen hat, dass die Wertschätzung und Achtsamkeit für die „Mittel zum Leben“ immer geringer geworden ist.
  • Dem Missbrauch des Patentrechtes auf Saatgut, Pflanzen und Tiere muss durch die Politik ein Riegel vorgeschoben werden. Hier besteht die Gefahr der Monopolbildung.
  • Wir brauchen eine „gelebte Transparenz gegenüber dem Verbraucher“ nach dem Motto: „Wir haben nichts zu verbergen!“ – also kein Etikettenschwindel!
  • Wir brauchen neue, junge Ideen, um das Bewusstsein zu steigern. Das Junge Forum IG FÜR forderte  auf dem IG FÜR Symposium 2014 in Köln, dass gesunde Ernährung als Bildungsauftrag verstanden und schon in Kindergärten und Schulen gelehrt werde. Händler und Erzeuger sollten als „Leuchttürme“ mit besonderen Ideen vorausgehen. Die Auszubildenden bemängelten die oft einseitige Darstellung in der Presse und forderten Vielfalt statt Einfalt in der Berichterstattung.
  • Ich meine, wenn wir unsere „Mutter Erde“ weiterhin so brutal ausbeuten, als hätten wir eine zweite Erde in Reserve, werden immer mehr Menschen mit immer weniger fruchtbarem Boden und weniger sauberem Wasser auskommen müssen. Dies wird die Hungersituation unweigerlich verschärfen. Mit dem absehbaren Klimawandel hat dies unkalkulierbare Folgen mit riesigen, neuen Völkern auf der Flucht. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird nichts mehr so sein wie bisher – und das nicht nur in Deutschland.

Die IG FÜR hat keine Gebote oder Verbote, sondern nur Angebote. Wir sehen unsere Aufgabe darin, Bewusstsein für gesunde Lebensmittel zu schaffen und haben das Ziel „gute Kräfte zu stärken“. Damit Lebensmittel wieder „Mittel zum Leben“ werden.

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1 Ich verweise auf die Kampagne www.zugutfuerdietonne.de.
2 Felix zu Löwenstein: Es ist genug da. Für alle. Wenn wir den Hunger bekämpfen, nicht die Natur. Knaur Klartext 2015.
3 Dr. Christoph Then: Agro-Gentechnik – Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt. Oekom Verlag 2015.
4 Filmtipp: Sekem – Aus der Kraft der Sonne, Denkmal-Film Verhaag GmbH, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
5 Georg Sedlmaier: Vielfalt statt Einfalt. BoD Verlag 2014.
6 Georg Sedlmaier: Vielfalt statt Einfalt. BoD Verlag 2014.
7 Dr. Daniela Büchel, REWE Group.

Dies ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Artikels, erschienen im Factbook Lebensmittelhandel 2017.


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